Wenige Bücher schaffen es, einen roten Faden durch die scheinbar zusammenhanglosen Probleme der Gegenwart aufzuzeigen. Das 1991 erschienene Buch von Charles Taylor ist eines davon. Er untersucht das erdrückende „Unbehagen an der Moderne“, welches viele Europäer heimsucht. Und nicht nur das: Charles Taylor zeigt auch einen Ausweg auf.

Dabei sind es drei Ursachen, die Taylor für das Unbehagen an der Moderne ausmacht: Erstens den Individualismus, zweitens die daraus folgende instrumentelle Vernunft, die letztlich drittens zu einem Freiheitsverlust führt.

Der Individualismus

Das Buch widmet sich nur am Rande der instrumentellen Vernunft und dem Freiheitsverlust. Taylor will stattdessen am Individualismus aufzeigen, wie auch die anderen Probleme gelöst werden könnten.

Er beginnt seine Argumentation mit der Feststellung, dass die Menschen im Mittelalter und der frühen Neuzeit Sinn und Werte aus einer „umfassenden Ordnung“ ableiten konnten. Diese Ordnung umfasste alles – von der Natur bis hin zur menschlichen Gesellschaft:

Früher sahen sich die Menschen als Bestandteil einer umfassenderen Ordnung. In manchen Fällen handelte es sich dabei um eine kosmische Ordnung, eine „große Kette der Wesen“, in der die Menschen neben Engeln, Himmelskörpern und den übrigen irdischen Geschöpfen die ihnen angemessene Stellung einnahmen. Diese hierarchische Ordnung des Universums spiegelte sich in den Hierarchien der menschlichen Gesellschaft.

Der Verlust dieser Ordnung leitete eine Verflachung und Verengung des Lebens ein. Alles, was über das eigene Ich hinausging, konnte und sollte nunmehr außer Acht gelassen werden. Das Ich wurde zum alleinigen Ausgangs- und Endpunkt jeder Begründung eines guten Lebens.

Was blieb, war ein „Individualismus der Selbstverwirklichung“: Statt für ein höheres, moralisches Ideal einzutreten, strebe seitdem jeder nur noch nach „Selbstverwirklichung“ und danach „sich selbst treu zu bleiben“ – kurz: es entstand das Ideal der Authentizität:

 Dass die Menschen ihre Liebesbeziehungen und die Fürsorge für ihre Kinder opfern, um ihre Karriere zu verfolgen, ist nicht das wirklich Eigentümliche. So etwas hat es vielleicht immer schon gegeben. Das Ausschlaggebende ist, dass sich heute viele Menschen dazu aufgefordert fühlen, dass sie meinen, sie müssten so handeln, und dass sie spüren, ihr Leben wäre irgendwie vergeudet oder unerfüllt, wenn sie nicht so verfahren würden.

Folgen des Individualismus

Das Ideal der Authentizität habe sich dabei so entwickelt, dass Jeder exklusive das Recht dazu habe, „seine eigene Lebensweise zu gestalten und sich dabei auf sein eigenes Gefühl für das wirklich Wichtige oder Wertvolle zu stützen“. Jeder könne seine eigene Vorstellung davon haben, was es bedeutet, ein „gutes Leben“ zu führen. Hauptsache ist, er hört auf seine „innere Stimme“, in die sich niemand einmischen könne.

Genau hier setzt das Buch ein und zeigt auf, dass sich das Ideal der Authentizität eigentlich anders entwickeln hätte sollen. Denn wenn jeder seine eigene Wahrheit besitzt, dann ist ein „milder Relativismus“ die Folge. Andere Menschen werden zur Ressource und zum Instrument für das eigene Leben degradiert und bloße Effizienzkriterien und Kosten-Nutzen-Analysen bestimmen unsere Entscheidungen ihnen gegenüber. Eine atomisierte und fragmentierte Gesellschaft ist die Folge:

Eine fragmentierte Gesellschaft ist eine Gesellschaft, deren Angehörigen es immer schwerer fällt, sich mit ihrer politischen Gemeinschaft als einer Gemeinschaft zu identifizieren. Dieser Mangel an Identifikation spiegelt vielleicht eine atomistische Einstellung, bei der die Menschen dahingelangen, die Gesellschaft rein instrumentell zu sehen. [131]

Und nicht nur das – letztlich verlieren wir durch das Verschwinden der Gemeinschaft und der Vorherrschaft der instrumentellen Vernunft auch unsere Freiheit. Der Raum für moralische Entscheidungen wird wegen Kosten-Nutzen-Druck immer kleiner. Ein Vorgang, vor dem schon Toqueville gewarnt hat:

Damit droht die Gefahr einer neuen, spezifisch modernen Form des Despotismus, den Tocqueville als „milden“ Despotismus bezeichnet. Dabei handelt es sich nicht wie in früheren Zeiten um eine Tyrannei des Schreckens und der Unterdrückung, sondern die Regierung wird sanft und paternalistisch verfahren. Es mag sogar sein, dass sie sich an die demokratischen Formen hält und periodisch Wahlen veranstaltet. Eigentlich wird aber alles von einer „gewaltigen Vormundschaftsgewalt“ bestimmt, die von den Menschen kaum zu kontrollieren sein wird. [16]

Die Gefahr liegt nicht in der wirklichen despotischen Kontrolle, sondern in der Fragmentierung, also darin, dass ein Volk immer weniger imstande ist, sich einen gemeinsamen Zweck zu setzen und diesen zu erfüllen.[125]

Kultureller Horizont

Das Buch ist wichtig, weil es zeigt, wie eine andere Form der Authentizität aussehen könnte. Es zeigt die inneren Widersprüche des herrschenden Individualismus und „milden Relativismus“ auf. Denn wenn ich mir selbst treu sein möchte, wird dabei immer bereits einen Bedeutungshorizont vorausgesetzt. Und:

Der Horizont ist etwas Gegebenes. [49]

Er führt aus:

 Sobald wir begreifen, was es heißt, sich selbst zu definieren und zu bestimmen, worin die eigene Originalität besteht, erkennen wir, dass wir ein Gefühl für das, was Bedeutung hat, im Hintergrund voraussetzen müssen. Dass ich mich selbst definiere, heißt soviel wie: dass ich herausfinde, was an meinem Unterschied gegenüber anderen bedeutungsvoll ist. [45]

Um ein gutes Leben zu führen und Ich selbst zu sein, muss Ich mich zwischen Alternativen für meine Identität entscheiden. Die Wahl zwischen Alternativen wäre jedoch trivial, wenn bestimmte Alternativen nicht bedeutsamer wären als andere. Die Frage nach der sexuellen Orientierung etwa verliert ihre Bedeutung, wenn sie mit einer Entscheidung nach Äpfeln oder Birnen gleichsetzt wird. Zu bestimmen, welche Fragen von Bedeutung sind, kann dabei nicht an mir liegen. „Läge es doch an mir, wäre gar keine Frage bedeutsam“. Deshalb kann Selbstverwirklichung immer nur in Gemeinschaft und vor dem Hintergrund eines kulturellen Horizonts stattfinden:

Anders formuliert, die eigene Identität kann ich nur vor dem Hintergrund von Dingen definieren, auf die es ankommt. Wollte ich jedoch die Geschichte, die Natur, die Gesellschaft, die Forderungen der Solidarität und überhaupt alles ausklammern, was ich nicht in meinem eigenen Inneren vorfinde, so würde ich alles ausschließen, worauf es möglicherweise ankommen könnte. Nur wenn ich in einer Welt lebe, in der die Geschichte, die Forderungen der Natur, die Bedürfnisse meiner Mitmenschen, die Pflichten des Staatsbürgers, der Ruf Gottes oder sonst etwas von ähnlichem Rang eine ausschlaggebende Rolle spielt, kann ich die eigene Identität in einer Weise definieren, die nicht trivial ist. Die Authentizität ist keine Widersacherin der Forderungen aus dem Bereich jenseits des eigenen Selbst, sondern sie setzt solche Forderungen voraus. [51]

Dieses Argument ist eine Waffe gegen Liberalismus und Individualismus. Taylor widerlegt die Forderung nach der kulturellen Neutralität des Staates und zeigt, dass sich eine Gemeinschaft je schon auf eine bestimmte Form des „guten Lebens“ festgelegt haben muss. Er zeigt, dass das Beharren auf unserer Eigenart nichts Verwerfliches und kein Gefängnis für die Selbstverwirklichung ist, sondern deren notwendige Voraussetzung.

Fazit

Das Buch ist nicht gerade etwas für Philosophie-Einsteiger. Es können drei bis vier Anläufe notwendig sein, um die ganze Schlagkraft des Buches zu entdecken. Auf 140 Seiten behandelt Taylor eine Bandbreite von Themen, die aktueller denn je sind. Sei es zur Überwindung des westlichen Nihilismus, sei es Begründung unserer kulturellen Selbstbehauptung. Taylor zeigt, wie wir über die Moderne hinausgehen können, ohne sie restlos verwerfen zu müssen. Doch lässt das Buch noch offen, wo wir die Werte außerhalb des eigenen Ichs entdecken können.