Körper und Sprache

Wir fassen die Welt so auf, als würden wir sie bloß entdecken: Der Wahrnehmungsprozess bringe uns Dinge in unser Bewusstsein, die einseitig auf uns wirken und prinzipiell unabhängig von uns sind. Entgegen dieser Position formulierte Friedrich Georg Jünger in seinem Nietzsche-Buch: „Wir leben in einer Welt der Interpretationen“.

Es ist das Bekenntnis zur Idee, dass es nichts gibt, was nicht schon vorher durch Sprache und Körper des Menschen interpretiert wurde.

Körper

Was den Körper anbelangt, wissen die meisten Menschen bereits aus ihrem Alltagsverständnis, dass Farben „im Gehirn“ erzeugt werden – dass sie aus einem komplizierten Verhältnis von Oberflächenspannung, Lichtverhältnissen und Körper entstehen. Denken Sie daran, welchen Einfluss Tag und Nacht oder farbige Glühbirnen auf die Farben haben.

Was den Körper anbelangt, hängt natürlich viel von der Beschaffenheit der Augen ab. Bei defekten der Augen wie Blindheit, Farbenblindheit und Farbfehlsichtigkeit ist dies offenkundig:

Links: „Normal“-sichtig – Rechts: Farbfehlsichtigkeit; Von Dr. Olav Hagemann, Achromatopsie-Selbsthilfe, Laborlexikon.de CC-by-sa 2.0/de, Link

Auch der Vergleich zu den Augen von Tieren ist nicht minder faszinierend:

Auf die Vorgänge im Gehirn, kann an dieser Stelle nicht eingegangen werden. Doch ist die Feststellung wichtig, dass Farben nicht im Auge, sondern im Gehirn geschaffen werden und somit viele weitere Faktoren zur Wahrnehmung von Farben beitragen. Selbst wenn Augen also gleich sind, bedeutet es nicht gleiche Wahrnehmung. So wurden inzwischen sogar geschlechtsbezogene Unterschiede in der Wahrnehmung bewiesen: Männer nehmen Kontraste und schnelle Bewegungen besser wahr. Für Frauen erscheint die Welt wiederum in wärmeren Tönen.

Sprache

Ein zweiter Faktor ist weniger Menschen bekannt: Nämlich dass auch die Sprache Einfluss darauf hat, wie wir die Welt wahrnehmen. Dabei wird Sprache in einem weiten Verständnis gebraucht wird, so dass sie auch unsere kulturellen Praktiken und Institutionen umfasst.

Auch hier ist das Beispiel Farben erhellend. Beispielsweise gibt es im Russischen kein Wort für „Blau“, sondern es wird zwischen Hellblau (goluboi) und Dunkelblau (sinij) unterschieden. Wissenschaftler des MIT haben herausgefunden, dass diese begriffliche Unterscheidung einen Einfluss darauf hat, wie Blau wahrgenommen wird: Russen sehen Blau anders als Amerikaner.

Die großen Auswirkungen dieser Erkenntnis werden uns klar, wenn wir uns Gefühlen zuwenden. Beispielsweise, dass wir erst dort, wo uns ein „differenziertes Vokabular zur Beschreibung … des Sich-angezogen-Fühlens in Begriffen wie Liebe, Zuneigung, sexuelle Anziehung, Bewunderung, Verehrung etc. zu Verfügung steht, diese Empfindungen als solche wahrgenommen werden können.“ (Hartmund Rosa, Identität und kulturelle Praxis, S. 89) Es „lässt sich zeigen, dass auch Empfindungen wie Liebe oder Furcht und sogar die Art und Weise, wie wir Schmerz und Hunger erfahren, abhängig sind von der Sprachgemeinschaft und Lebensform, in die wir hineingeboren wurden, und damit deutungsoffen bleiben, obwohl wir sie natürlich als vorsprachlich und präreflexiv wahrnehmen“. (ebda., S. 86)

Echte Vielfalt

Das waren nur einfach Beispiele. Wie stark muss sich Körper und Sprache erst auf die ganze Gefühlswelt eines Menschen und seine Beziehung zur Welt auswirken. Deshalb bedeutet menschliche kulturelle Vielfalt richtig verstanden mehr als bloß unterschiedliche Speisen auf dem Teller oder unterschiedliche Bekleidung – sie bedeutet eine Vielheit an verschiedenen Welten, die je nur demjenigen ganz zugänglich sind, der in ihr lebt. Das ist der wahre Reichtum der Menschheit.

Tweet about this on TwitterShare on FacebookShare on TumblrPin on PinterestShare on Google+Share on LinkedInEmail this to someone

← Vorheriger Beitrag

Nächster Beitrag →

2 Kommentare

  1. Thomas

    Wie unglaublich stark die Sprache das Denken beeinflusst, wird in diesem Artikel deutlich – kein Wort für blau in deiner Sprache – dann erkennst du ein überdeutlich blaues Viereck unter lauter grünen auch nicht – und umgekehrt für Grünvarianten
    https://www.sciencealert.com/humans-couldn-t-even-see-the-colour-blue-until-modern-times-research-suggests

    Darum ist es auch so wichtig, dass wir ein möglichst akkurates Ersatzwort für das Propagandawort \“Flüchtling\“ finden. Habe das schon auf mehreren Plattformen gepostet, aber es interssiert nicht viele, bzw. die Vorschläge sind nicht so toll – weil\’s auch schwierig ist. Solange wir keine passenden Worte haben, werden weiter \“Flüchtlinge\“ kommen. Bester Vorschlag bisher: Fluchlinge (die dem Fluch der Multikultis gefolgten quasi)

    • mm

      Patrick Lenart

      Danke für den Literaturhinweis! Ich hab mir jetzt erstmal bestellt:

      Iwan Werlen: Sprachliche Relativität: Eine problemorientierte Einführung.
      Guy Deutscher: Im Spiegel der Sprache: Warum die Welt in anderen Sprachen anders aussieht

      Ich werde dann nochmal auf das Thema zurückkommen und ggf. auch deinen Hinweis einbauen. Zum Thema Flüchtlinge: Ich nenne Sie Migranten. Selbst nach offizieller Lesart ist es doch unzulässig, vom kleinen Anteil der Anerkannten Flüchtlinge, alle illegalen Migranten als Flüchtlinge zu bezeichnen.

Schreibe einen Kommentar