In Diskussionen mit politischen Gegnern steht am Ende meist ein ratloses Gesicht und eine Frage, mit der man eigentlich auch anfangen hätte könnte. Es ist die Frage danach, warum wir unsere ethnokulturelle Identität überhaupt erhalten wollen und sie nicht lieber als etwas Rückständiges abstreifen und durch etwas Neues ersetzen wollen. Es ist diese Ratlosigkeit vieler Etablierter, auf der viele ihrer Fehlschlüsse beruhen. Es ist ihnen immerhin schon in der Schule eingeredet worden, dass Tradition und Identität etwas „Dummes“ seien und es eigentlich keine Argumente gäbe, warum man an ihnen festhalten soll.

Doch es gibt gleich mehrere starke Begründungen für den Wert ethnokultureller Identität. 

1. Identität als Wert an sich

Das erste Argument ist so selbstverständlich, dass es die meisten ohne zu zögern aussprechen: „Unsere Traditionen als solche sind wertvoll“! Denn sie haben sich über Jahrhundert und Jahrtausende in einer ständigen Spannung zwischen Neuem und Alten, zwischen Verwerfen und Erhalten entwickelt.

Ethnokulturelle Identität hat einen Wert, weil sie evolutionär gewachsen ist.

Konrad Lorenz schrieb in „Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit“ von „Neophilie“ und einer „Liebe zum Alterhergebrachten“ („späten Gehorsam“):

„Die physiologische Neophilie und der späte Gehorsam sind beide wichtig. Ihre systemerhaltende Leistung liegt darin, ausgesprochen veraltete und neuer Entwicklung hinderliche Elemente der älteren Kultur auszuschalten, auszumerzen und ihre wesentliche und unentbehrliche Struktur dagegen zu erhalten.  […]“

Sowohl das sture Beharren auf Traditionen sowie das blinde Verwerfen der Traditionen sind als Fehlentwicklung anzusehen. Doch liegt in denen, die unsere Identität leichtfertig oder gewollt abschaffen, eine besondere Gefahr. Denn ist ein Identitätsbruch erst einmal vollzogen, gibt es kein Zurück mehr. Sie wäre unwiderruflich verloren. Lorenz weiter:

„Es wird ungeheuer schwer sein, ihnen beizubringen, dass alles, was in der kulturellen Entwicklung entstanden ist, ebenso unersetzlich und ebenso ehrfurchtgebietend ist wie alles, was in der Natur im Laufe der Stammesgeschichte entstanden ist. Es wird vor allem sehr schwer sein, ihnen beizubringen, wie leicht eine Kultur ausgelöscht werden kann – wie eine Kerzenflamme.“

2. Identität als Voraussetzung für menschliche Vielfalt

 Die erste Reihe unserer Gegner bilden jene, die ständig von „Buntheit“, „Diversity“ und „kultureller Vielfalt“ sprechen – und dabei ausschließlich eine uniforme Konsumentenmasse ohne Identität meinen. Denn Identität ist mehr als eine bloße Äußerlichkeit – sie definiert jeden Bereich unseres Daseins und ist der „Rahmen, in dem unsere Vorlieben, Wünsche, Meinungen und Strebungen Sinn bekommen.“ (Taylor)

Echte Vielfalt beruht auf einer tiefgreifenden Verschiedenheit der Kulturen, die je einen eigenen Zugang zur Welt haben. Diese Vielfalt der Weltzugänge ist für uns ein Wert an sich. Denn was wäre die Welt ohne ihre kulturelle Vielfalt? Ohne einen deutschen Goethe, einen russischen Dostojewski und einen italienischen Leonardo da Vinci? Charles Taylor formulierte die Annahme, dass „alle menschlichen Kulturen, die ganze Gesellschaften über längere Zeiträume mit Leben erfüllt haben, allen Menschen etwas Wichtiges zu sagen haben.

Ethnokulturelle Identität hat einen Wert, weil sie die Grundlage für eine Welt der Vielfalt ist.

Wie fad wirkt hingegen auf uns die Alternative einer einheitlichen Weltkultur? Ja, uns ekelt geradezu vor der Vereinheitlichung der Welt. Irenäus Eibl-Eibesfeldt sagte in einem Interview mit dem Spiegel:

„Ich liebe die kulturelle Buntheit. Die Neigung, sich abzugrenzen und eigene Wege zu gehen, ist schon im Tier- und Pflanzenreich ausgeprägt. Artenfülle ist die Speerspitze der Evolution, da wird dauernd Neues probiert. Der Mensch macht das kulturell, und wenn er seine kulturelle Differenzierung verliert, verliert er sehr viel von dem, was ihn zum heutigen Menschen gemacht hat. Wir wissen, daß es andere Möglichkeiten gibt; der Ameisenstaat ist perfekt. Die Frage ist nur, ob wir uns das als Individuen wünschen können.“

3. Identität für ein authentisches Leben

Jeder Einzelne wird in eine ethnokulturelle Identität hineingeboren. Es sind Gemeinschaften wie Familie, Stamm, Volk und Kultur, vor deren Hintergrund der Einzelne seine Identität ausbildet und das ganze Leben über bestimmt bleibt. Nehmen wir als klassisches Beispiel die Sprache. Es handelt sich dabei um ein kollektives Gut, das nur in und durch Gemeinschaft bestehen kann. Es gibt keine „Privatsprache“, die man nur selbst spricht und versteht. Sie muss kollektiv gelebt werden.

Wer sich selbst verwirklichen und ein authentisches Leben führen will, der muss auf die Stimme in seinem Inneren hören. Und diese Stimme hat eine bestimmte Sprache.

„In dieser Sprache, der man zum ersten Mal an Mutters Rockzipfel begegnet und von der man erst im Grab scheidet, wird die Vergangenheit wieder herbeigeschworen, werden Gemeinschaften vorgestellt und die Zukunft erträumt“,

schreibt selbst Benedict Anderson.

Individuelle und kollektive Identität fließen durch Sprache (und nicht nur dadurch) untrennbar ineinander. Das ist vor allem ethnokulturellen Minderheiten bewusst. Sie kämpfen um die Anerkennung ihrer Identität, denn es bleiben ihnen Selbstverwirklichung und Authentizität verwehrt, wenn sie ihre Bräuche, Traditionen und Sprache nicht auch offiziell in Gemeinschaft leben können. Sie würden ein entfremdetes Leben führen und ihre Wurzeln verlieren.

Und „wer seine Wurzeln verliert, kann nicht gedeihen“, folgerte Eibl-Eibesfeldt richtig. Deshalb: Wer den Wert seiner kulturellen Identität negiert, negiert auch einen Teil seiner individuellen Identität. Oder anders formuliert:

Ethnokulturelle Identität hat einen Wert, weil sie Grundlage für ein authentisches Leben ist.