Systemkritik – Die Zurückweisung personalisierter Kritik

Am Samstag zeigte ein 22-Jähriger in Paris, wie falsch der pauschale Hass auf illegale Einwanderer ist. Für mich ist er ein Symbol dafür, wie wichtig die Unterscheidung zwischen Systemkritik und Hass auf Menschen ist. Dabei lohnt sich ein Blick auf die Kritik von Karl Marx, die uns vor Fallstricken und voreiligen Schlüssen retten kann.

Marx ist nämlich das klassisches Beispiel für eine entpersonalisierte Kritik. Im Angesicht der gegenwärtigen Linken ist es kaum zu glauben, aber Marx behauptete nicht, dass böse Kapitalisten aus niederen Beweggründen die guten, unschuldigen Proletarier ausbeuten.

Systemkritik

Vielmehr wollte Marx aufzeigen – und das ist charakteristisch für seine Argumentation  –, dass die Motivation des Kapitalisten überhaupt keine nennenswerte Rolle bei der Kapitalverwertung spielt. Seine Kritik war eine Systemkritik: Er wollte diejenigen Mechanismen aufdecken, denen sich niemand, auch nicht der Kapitalist, entziehen kann. Was beim Kapitalisten als „individuelle Manie“ erscheine, sei nämlich nur die „Wirkung des gesellschaftlichen Mechanismus worin er ein Triebrad ist“.

Die individuelle Persönlichkeit des Kapitalisten tritt damit in den Hintergrund: Er ist bloßes „Triebrad“ im Räderwerk des Kapitalismus, nur eine „Charaktermaske“, eine Funktion gesellschaftlicher Mechanismen und als solcher beliebig austauschbar. Denn egal wer hinter der Maske steht, er muss den Zwängen des Kapitalismus gehorchen. Deshalb stellte Marx auch klar:

„Weniger als jeder andere kann mein Standpunkt […] den einzelnen verantwortlich machen für Verhältnisse, deren Geschöpf er sozial bleibt, sosehr er sich auch subjektiv über sie erheben mag.“

Die Erben von Marx

Ich weiß nicht, ob Marx heute lachen oder weinen würde, wenn er die deutschsprachigen Linken sehen könnte. In Österreich ist auch die letzte linke Partei im Parlament vollends im Populismus angekommen. Typisches Merkmal davon ist die personalisierte Kritik, die für die breite Masse leicht zu erfassen ist und sich hervorragend für polemische Narrative eignet: Endlich gibt es wieder einen Bösewicht, gegen den die Guten dieser Welt zusammenrücken müssen. Auch bei den Multikultis ist die personalisierte Kritik der letzte Ausweg, um sich von der Verantwortung für die blutigen Folgen ihrer Politik zu drücken.

Schuld am Scheitern des Multikulturalismus sei nämlich nicht das Leugnen notwendiger Prozesse menschlicher Gesellschaften. Nein: Dass das friedliche, multikulturelle Zuckerwatteland nicht schon längst existiert, liegt ausschließlich an den „bösen Ewiggestrigen“, die aus Neid und reiner Boshaftigkeit die tollen Pläne sabotieren. Deshalb müsse man wahlweise ein „Es lebe Diversity“-Schild oder einen handballengroßen Stein in die Hand nehmen, um den Bösewichten eine moralische Läuterung um die Ohren zu knallen.

Lernen von Marx

Der kommende Untergang der Linken deutet schon an, dass wir diesem intellektuellen Vakuum nicht nacheifern dürfen. Nicht, weil man personalisierte Kritik nicht äußern dürfe, sondern weil sie schlicht falsch ist, das Wesen von gesellschaftlichen Prozessen verkennt und zu falschen politischen Forderungen führt. Die Massenzuwanderung gibt es nun einmal nicht, weil uns irgendwelche Strippenzieher wie George Soros etwas Böses antun wollen. Es gibt keine geheime Macht, die uns die Massenzuwanderung aufzwingt. Auch wenn es Patrioten nur ungern hören: Europas Völker haben die verantwortlichen Politiker über Jahrzehnte gewählt, sie sind am Bahnhof gestanden und haben Jubelvideos produziert. Sie haben die ganze Welt eingeladen. Nicht, weil sie dazu gezwungen wurden, sondern weil die Idee von Multikulti und „Diversity“ für die breite Masse attraktiver oder zumindest egal war.

Dass sich inzwischen ein Umdenken abzeichnet, liegt nicht an der Stärke der Kritiker, sondern weil das Abwälzen der Folgen von Multikulti auf die „Störer“ immer unglaubwürdiger wird. Nicht umsonst konnten Kurz und Strache in reiner Oppositionshaltung Wahlerfolge feiern, obwohl eine ernstzunehmende Kritik am Großen Austausch bisher unterblieb. Soll jedoch ein echter, das heißt metapolitischer Wandel erfolgen, bleibt diese Kritik nicht erspart.

Der Große Austausch als Prozess 

Als erster Schritt muss der Große Austausch als Prozess verstanden werden. Er resultiert nicht daraus, dass uns eine geheime Clique aus reiner Bösartigkeit zerstören möchte. Er resultiert auch nicht daraus, dass böse Islamisten in irgendeinem Eck der Welt die Islamisierung minutiös planen. Und er resultiert auch nicht daraus, dass Menschen aus Afrika und Asien planen, nach Europa zu kommen um unsere Kultur zu verdrängen. Klar, es mag solche Gruppen geben. Aber sie müssen als Charaktermasken gesellschaftlicher Prozesse verstanden werden. Ansonsten kommt eine solch personalisierte Kritik zu falschen Schlüssen. Einer davon ist, dass man Menschen, die man als Angehörige dieser Gruppen betrachtet, bloß hassen und bekämpfen müsse, um eine Änderung der Lage zu erwirken.

Sie vernebelt damit aber auch die Forderung, dass die Mechanismen unserer Gesellschaft zu untersuchen sind, denen sich niemand entziehen kann, unabhängig von der persönlichen Motivation. Nur eine solche Kritik wird auch effektiv Lösungen finden. Zwei Beispiele sollen das verdeutlichen: Erstens die ökonomischen Bedingungen unseres Wirtschaftssystems. Als Europa in den 60er-Jahren die Tore öffnete, stand dahinter der Druck der Wirtschaft. Zuerst war es die Forderung nach Gastarbeitern, weil die Wirtschaft diese brauche. Danach folgten Forderungen, die Gastarbeiter doch im Land zu behalten, immerhin sei die Ausbildung immer neuer Arbeitskräfte kostenintensiv. Der Effizienzdruck des (ökonomischen) Wettbewerbs fordere nun einmal seinen (kulturellen) Preis. Mehr Migration führt zu billigeren Arbeitskräften, die wiederum zu steigender Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit führen. Völlig egal, ob der Unternehmer ein lieber Kerl ist.

Oder betrachten wir die Seite der afrikanischen Auswanderungsländer. Die Zuwanderer kommen meist aus Ländern mit hoher Jugendarbeitslosigkeit und wollen der draus folgenden Perspektivenlosigkeit durch Migration nach Europa entgehen. Wie jeder Mensch träumen sie von einem guten Leben. Kaum jemand verlässt seine Heimat, seinen Kulturraum und seine Familie einfach so. Wenn die Not in der Heimat groß ist und Europa gleichzeitig mit den größten Versprechungen lockt, wen wundert es da, dass sich Millionen gutgläubige Menschen auf den Weg machen? Wer rechnet angesichts der schillernden Zukunftsvorstellungen schon damit, dass die Versprechungen niemals eingelöst werden können?

Ein Malier in Paris

Kommen wir zum eigentlichen Anlassfall zurück. Der 22-Jährige Mamoudou Gassama ging am Samstag nichtsahnend mit seiner Freundin in Paris spazieren, als er plötzlich ein vierjähriges Kind sah, das von einem Balkon zu stürzen drohte. Was dann geschah, zeigt ein Video:

Der Mann kletterte vier Stockwerke nach oben, um das Kind zu retten. „Ich habe nicht groß nachgedacht, bin an der Fassade hochgesprungen, habe einen Balkon zu fassen gekriegt und bin dann einfach immer weiter nach oben geklettert. Allah sei Dank, ich habe den Jungen retten können“, schilderte er im Nachhinein den Medien (wobei viele Medien Allah frecherweise mit „Gott“ übersetzten).

Gassama, der als illegaler Einwanderer ohne Aufenthaltsgenehmigung in Frankreich lebt, erhielt umgehend von Macron die französische Staatsbürgerschaft. Die Medien bezeichnen ihn als „Helden“ – wohl etwas zu hoch gegriffen, aber auch ich habe wirklich Respekt vor der unglaublichen Aktion. Was Gassama damit Jedem zeigte: illegale Einwanderer müssen keine schlechten Menschen sein und jede Polemik gegen Masseneinwanderung, die darauf aufbaut, muss und soll zurecht scheitern.

Instrumentalisierung für offene Grenzen?

Zu früh sind jedoch die Jubelschreie derjenigen, die den Vorfall jetzt dazu instrumentalisieren wollen, um gegen Grenzen und Remigration mobil zu machen. Wie so viele kam Mamoudou Gassama nämlich nach Europa, um sich hier eine Zukunft aufzubauen. Dank dieses glücklich-unglücklichen Zufalls, in dem er seinen Mut und Courage beweisen konnte, hat er nun eine realistische Chance dazu. Das persönliche Gespräch mit Emmanuel Macron, die französische Staatsbürgerschaft, eine Ehrenmedaille und sein künftiger Job bei der Feuerwehr sind eine kleine Hilfe.

Doch was hier im Einzelfall möglich ist, davon können hunderttausende andere Afrikaner nur träumen. Sie kamen ebenfalls nach Europa, um sich eine Zukunft aufzubauen. Doch sie werden unter anderen in den Banlieues der französischen Großstädte stranden. Noch perspektivenloser und in einer noch schlimmeren Lage, als sie es in ihrer Heimat ohnehin schon gewesen sind. Weder, weil irgendwelche „Störer“ ihre Integration verhindern, noch weil es sich bei illegalen Zuwanderern um Menschen mit bösen Absichten handelt. Sondern weil die Mechanismen menschlicher Gesellschaften eben nicht anders funktionieren.

Deshalb kritisiere ich den Großen Austausch nicht, weil böse Menschen nach Europa kommen. Eine solche personalisierte Kritik ist genauso falsch wie die Ansicht, dass die Massen problemlos kommen könnten, wenn es sich eben um gute Menschen handle. Klar – es kommen auch böse Menschen, doch die meisten Zuwanderer sind genauso hoffnungsvolle junge Männer wie Gassama. Viel zu viele davon werden ausgebeutet, zu viele werden kriminell, zu viele wenden sich als Ausweg an islamistische Prediger.

Deshalb bekämpfe ich dieses System: Weil es ungerecht ist. Weil es für die Masse der Europäer genauso wie für die Masse der Zuwanderer, für die Länder Europas wie für die Länder Afrikas, zum Horror wird. Einzelne mögen Glück haben und davon profitieren, die Mehrheit tut es nicht.

3 thoughts on “Systemkritik – Die Zurückweisung personalisierter Kritik

  1. Genau das ist der Punkt! Ich hatte als Kind ein Buch („Das große Buch vom Menschen und von seiner Erde“) von James Krüss, darin gab es – zeitbedingt – ein Kapitel „Kommunismus“, und den Satz: „Ein Kommunist ist nicht einer, der einem Bettler 5 Mark gibt, sondern einer, der will, daß es keine Bettler mehr gibt.“ Das ist die Differenz von Systemkritik und Individualkritik (oder Individual-affirmative-action).
    Auf „Sezession“ hab ich ganz ähnlich argumentiert, lustigerweise mit Hegel statt mit Marx: https://sezession.de/57226/wer-denkt-subjektivij.

  2. Patrick Lenart says:

    Danke für den Tipp! Ich werde mir den Artikel alsbald durchlesen. Systemkritik mit Hegel zu argumentieren, ist dann halt nochmal ein Leven höher. 🙂 Der Artikel ist ja als Kritik an der Rechten konzipiert, da wollte ich mit dem Aufruf, von Marx zu lernen, noch eins draufsetzen. 😀

  3. Ronald1 says:

    Du bist ein kluger Kopf Patrick, genau das ist auch absolut meine Meinung zur Einwanderung, Asylkritik, großen Austausch.

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