In meinem letzten Beitrag habe ich davon geschrieben, dass die Kritik am Großen Austausch eine Systemkritik sein muss. Sie muss jene gesellschaftlichen Mechanismen aufdecken, die zur Masseneinwanderung geführt und sie am Laufen gehalten haben. Denn erst, wenn die wahren Gründe für die Masseneinwanderung erkannt sind, können auch politische Gegenmaßnahmen ergriffen werden. Hierzu müssen wir uns zuerst der  Geschichte der Masseneinwanderung widmen. Hierbei wird klar, dass die Masseneinwanderung gegen den Willen der Österreicher stattfand und auf fehlerhaften politischen Entscheidungen beruhte.

Die Masseneinwanderung begann im deutschsprachigen Raum in den 1960er-Jahren. Zu einem Zeitpunkt, als in Deutschland nicht einmal 1500 und in Österreich exakt 217 Türken lebten. Zwar wird gerne die Asylpolitik der 50er als früher Beleg für ein „Einwanderungsland Österreich“ genannt, doch ließen sich selbst während der Ungarnkrise 1956/57 insgesamt nur 20.000 Ungarn und auch später während des Prager Frühling 1968 nur 12.000 tschechoslowakische Staatsbürger in Österreich dauerhaft nieder.

1. Phase der Arbeitsmigration

1961 – Raab-Olah-Abkommen

Den Startschuss für die Masseneinwanderung nach Österreich gaben vielmehr am 28. Dezember 1961 der sozialdemokratische ÖGB-Vorsitzende Franz Olah und der ÖVP-Wirtschaftskammerpräsident Julius Raab quasi im Alleingang und in einer Geheimsitzung. Sie unterzeichneten nämlich ein Abkommen, das die gezielte Rekrutierung von Gastarbeitern für den österreichischen Arbeitsmarkt vorsah. Dem Abkommen gingen – typisch für die Sozialpartnerschaft – sechs Monate informelle und vertrauliche Gespräche unter Ausschluss der Öffentlichkeit voran.

Das sogenannte „Raab-Olah-Abkommen“ sah vor, dass männliche Arbeiter ohne ihre Familie nach Österreich kommen sollten. Es sollte außerdem das „Rotationsprinzip“ gelten: Ausländische Arbeitskräfte sollten schon nach kurzer Dauer wieder in ihre Heimat zurückkehren und durch neue ausländische Arbeitskräfte ersetzt werden. Hauptziel des Abkommens war „ein beschleunigtes Wachstum der österreichischen Wirtschaft und eine Steigerung des Volkseinkommens“.

„Arbeitskräftemangel“

Hintergrund des Abkommens war, dass Österreich seit Mitte der 1950er-Jahre ein hohes jährliches Wirtschaftswachstum von bis zu 6 Prozent erlebte, welches die Arbeitslosigkeit immer weiter sinken ließ. Sie lag im Sommer 1961 österreichweit nur noch bei 1,5 Prozent, was 35.248 Arbeitssuchende bedeutete. Ökonomen gingen deshalb davon aus, dass Österreich 47.000 Gastarbeiter benötige, um das hohe Wirtschaftswachstum aufrecht erhalten zu können. Ähnlich war die Situation in Deutschland: Dort berechneten Ökonomen einen „Bedarf“ von 800.000 ausländischen Arbeitskräften und die Arbeitslosigkeit erreichte im Sommer 1962 mit 0,4 Prozent und weniger als 100.000 Arbeitssuchenden einen historischen Tiefstand.

Die Wirtschaft musste in der Vorstellung der Akteure weiter wachsen, was zu einem Akt der Verzweiflung führte. Verzweiflung deshalb, weil zum hohen Wirtschaftswachstum auch noch die Einführung des neunten Pflichtschuljahres, längere Karenzzeiten, die Einführung der 45-Stunden-Woche sowie das frühere Pensionsantrittsalter trat, was die allgemeine Erwerbsquote in den 1960er-Jahren kontinuierlich abnehmen ließ.

Zustimmung als „Tauschgeschäft“

In den frühen 1960er-Jahren arbeiteten 230.000 Österreicher aufgrund des höheren Lohnniveaus im Ausland. Anstatt das Lohnniveau in Österreich zu heben oder eine Politik der gezielten Wachstumsrücknahme zu betreiben, beschlossen ÖVP und SPÖ gezielt billige ausländische Arbeitskräfte anzuwerben. Vor allem die Wirtschaftsvertreter drängten nicht ganz zufällig dazu: Analysen zeigen, dass mit der Erhöhung des Ausländeranteils an der Beschäftigungsquote um ein Prozent, die Löhne der einheimischen Arbeitskräfte um etwa 0,4 Prozent sinken. Es darf deshalb nicht verwundern, dass die Arbeitgebervertreter sogar einen komplett freien Arbeitsmarktzugang für Ausländer forderten.

Auf der anderen Seite stand der Österreichische Gewerkschaftsbund, der für niedrige Kontingente eintrat, weil er eine Lohnkonkurrenz und Verdrängung von Österreichern am Arbeitsmarkt befürchtete. Nach monatelangen Verhandlungen und – so wird vermutet – im Gegenzug für eine andere machtpolitische Forderung des ÖGB (die Erweiterung des Wirkungskreises der Paritätischen Kommission), gaben die Gewerkschaftsvertreter schließlich die Zustimmung zur Kontingentvereinbarung von 47.000 ausländischen Arbeitskräften für das Jahr 1962.

Kehrwende der SPÖ

Mit der Unterzeichnung des Raab-Olah-Abkommens vollzog der Österreichische Gewerkschaftsbund (ÖGB) eine Kehrtwende und lobte nunmehr sogar die Anwerbung von Gastarbeitern. Es muss für die Gewerkschaften auch heute noch beschämend sein, wie offen sie davon sprachen, dass Ausländer die Drecksarbeit machen würden, für die sich Österreicher zu Schade seien. Die Zustimmung zum Abkommen hängte aber vor allem mit einer falschen Einschätzung der Situation zusammen.

Die Vertragspartner gingen zu diesem Zeitpunkt von einem einmaligen Abkommen aus. Außerdem glaubten die Arbeitgebervertreter zum einen nur an einen befristeten Aufenthalt der Gastarbeiter, zum anderen nahmen sie an, dass durch die steigende Produktivität schon bald ohnehin ausschließlich österreichische Arbeitnehmer gebraucht würden. Zudem gingen die Gewerkschaftsvertreter davon aus, dass wegen dem niedrigen Lohnniveau im Vergleich zu Westeuropa ohnehin kaum Gastarbeiter nach Österreich kommen würden.

Ohne Gesetzesgrundlage

Zunächst gab es ein Anwerbeabkommen mit Spanien, das jedoch wegen des niedrigen Lohnniveaus in Österreich erfolglos bleib. Am 15. Mai 1964 folgte schließlich der Vertrag mit der Türkei, 1965/66 ein weiterer mit Jugoslawien. Das Raab-Olah-Abkommen entwickelte sich dabei zu einer dauerhaften Regelung. Die Kontingente wurden jährlich von den Sozialpartnern neu verhandelt, von der Bundesregierung nur noch abgesegnet und in Erlässe umgewandelt. Dabei verhandelten Sozialpartner über die Kontingente auf keinerlei gesetzlicher Grundlage und vertraulich. Hinzu kam, dass sich die Arbeitsämter nicht an das Rotationsprinzip hielten und die einjährigen Bewilligungen in der Regel verlängerten.

Das war wirtschaftlich gesehen kein Problem, da zwischen 1968 und 1973 weiterhin ein durchschnittliches Wirtschaftswachstum von 5 Prozent bestand. Der Arbeitskräftemangel blieb nicht nur bestehen, sondern wurde sogar größer: Die Sommerarbeitslosigkeit lag 1973 nur noch bei unfassbaren 0,2 Prozent. Und das, obwohl statt der anvisierten 47.000 Gastarbeiter zum Ende des Jahrzehnts bereits 230.000 Gastarbeiter in Österreich waren. Das änderte sich allerdings rasant: 1973 kam es zu ersten wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die sich im Jahr 1974 mit der „Ölkrise“ verschärften. Am Beginn des Gastarbeitersystems 1961 lag der Ausländeranteil bei 100.200 (1,4 Prozent) und verdreifachte sich bis 1973 auf ca. 300.000 (4,1 Prozent).

2. Phase der Familienmigration

1974 – Eine Fehleinschätzung

Nicht nur ließ das Wirtschaftswachstum nach, sondern es kehrten auch viele österreichische Arbeitskräfte aus dem Ausland zurück. Plötzlich wurden in Österreich keine ausländischen Arbeitskräfte mehr benötigt. Mit einem Anwerbestopp versuchte die Regierung deshalb die Zahl der ausländischen Arbeitskräfte zu reduzieren und gleichzeitig die bereits in Österreich beschäftigten Ausländer wieder zur Rückkehr in ihre Heimatländer zu bewegen.

Von 1974 bis 1976 verließen ca. 55.000 Gastarbeiter Österreich und kehrten in ihre Heimatländer zurück. Ihnen wurde die Arbeits- und damit gleichzeitig die Aufenthaltsbewilligung entzogen worden. Dabei wurde die Migration vor allem durch das Passgesetz 1969 geregelt. Bis 1984 ging die Zahl der Gastarbeiter von 226.384 (1973) auf rund 145.000 zurück.

Gegenteiliger Effekt

Doch ging zwar der Anteil der Gastarbeiter zurück, aber die Anzahl von Ausländern erhöhte sich. Schon zu Beginn der 1970er-Jahre wurde es Praxis, dass weder die Arbeitsämter noch die Gewerkschaften bestehende Arbeitsverhältnisse kündigten, wenn es eine Beschäftigungssicherheit gab. Dadurch verlängerte sich der Aufenthalt von Gastarbeitern. Viele Gastarbeiter kehrten auch nur für kurze Zeit in ihre Heimatländer zurück, um dann erneut in Österreich zu arbeiten. Viele davon holten ihre Familie nach Österreich und der ausländische Frauen- und Kinderanteil stieg.

1974 beschleunigte sich dieser Prozess. Weil viele Gastarbeiter wegen des Anwerbestopps nicht mehr damit rechnen konnten, dass sie nach einer vorübergehenden Rückkehr in ihr Heimatland wieder in Österreich arbeiten konnten, hielten sie es für klüger, gleich in Österreich zu bleiben und ihre Familie – getarnt als Touristen – nachzuholen. Dieser Prozess fand vor dem Hintergrund einer steigenden Nachfrage nach weiblichen Arbeitskräften statt, so dass auch ausländische Frauen in Österreich eine Beschäftigung finden konnten. Es kam zur ersten echten Einwanderungswelle nach Österreich.

Österreicher lehnten Zuwanderung ab

Weder die offizielle Politik, noch die Sozialpartner, erkannten diese Entwicklung und glaubten noch immer, dass die Zuwanderer nach kurzer Verweildauer in ihre Heimatländer zurückkehren würden. In diese Zeit fallen auch die ersten Studien zur Einwanderung. Eine der zwei wesentlichen Studien wurde von einer Unterorganisation der Wirtschafts- und Sozialpartnerschaft geschaffen: Sie betrachtete Gastarbeiter als „soziales Problem“ und mahnte eine Remigration überzähliger Gastarbeiter ein. Der Rest sollte integriert und nicht assimiliert werden, was den Grundstein für viele heutige Probleme legte.

1973 wurde auch vom „Arbeitskreis für ökonomische und soziologische Studien“, der von den Sozialpartnern gegründet wurde, eine groß angelegte Studie veröffentlicht. Daraus ging hervor, dass auch die österreichische Bevölkerung gegen eine Integration der Gastarbeiter war. Nur fünf Prozent traten für eine dauerhafte Eingliederung der Gastarbeiter in die österreichische Gesellschaft ein, während 90 Prozent eine Integration vehement ablehnten und eine Rückkehr der Gastarbeiter in ihre Heimatländer wollten.

Trotzdem forderte die Bundeswirtschaftskammer weiterhin einen liberalen Zugang zum österreichischen Arbeitsmarkt, während die Gewerkschaften nun wieder dagegen waren. Die Verhandlungen zwischen beiden Seiten führte 1975 zum Ausländerbeschäftigungsgesetzt (AuslBG), das 1976 in Kraft trat und das Prinzip „Österreicher zuerst“ vertrat. Ausländer erhielten nun nach acht Jahren einen „Befreiungsschein“, der ihnen den unbegrenzten Zugang zum Arbeitsmarkt garantierte. Die Anzahl der ausländischen Beschäftigten ging zwischen 1974 und 1984 um 40% zurück, der Anteil von Frauen und Kindern stieg jedoch von 14,8 Prozent auf 22,5 Prozent.

3. Phase der Fluchtmigration

1986 – Politisierung der Migrationsfrage

Nach 25 Jahren Massenmigration nach Österreich änderte sich die politische Lage 1986: Es zogen nicht nur die Grünen erstmals in den Nationalrat ein, sondern auch Jörg Haider wurde Bundesparteiobmann der FPÖ. Erstmals gewann die Migrationsfrage öffentlich und innenpolitisch an Bedeutung. Aus der – abseits der Öffentlichkeit stattfindenden –  Regulierung durch die Sozialpartner abseits der Öffentlichkeit wurde ein Thema, das nunmehr auf der politischen Tagesordnung stand. Damit ging die institutionelle Verlagerung des Themas vom Sozialministerium zum Innenministerium – ebenfalls im Jahr 1986 beschlossen – einher.

Bereits ab 1987 (bis zum Beginn der 1990er-Jahre) machten Asylwerber einen erheblichen Anteil an den türkischen Zuwanderern aus (Höhepunkt im Jahr 1989 mit 3.200 Anträgen). Ab 1989 kam es schließlich zu einer Explosion des Ausländeranteils durch Flüchtlinge, vor allem aus dem ehemaligen Jugoslawien. Durch die „Ostöffnung“ wurde die Migration von Süd- und Südosteuropa nach West- und Mitteleuropa durch eine „neue“ Ost-West-Migration ergänzt. Der Wanderungssaldo stieg enorm, vor allem wegen des politischen Umsturzes in Rumänien zum Jahreswechsel 1989/1990 und den Kriegen im ehemaligen Jugoslawien zwischen 1989 bis 1993. Es entstand die größte Fluchtbewegung in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg.

Begleitet wurden die Fluchtmigration von einer Phase der Hochkonjunktur in den Jahren 1990/91, was zu einem erneuten ansteigen der Arbeitsmigration auf 264.102 Personen (1991)  führte. Der Wanderungssaldo stieg auf + 67.610 Menschen.

Verschärfung der Rechtslage

Allein 1992 kamen 50.000 Menschen aus Bosnien-Herzegowina nach Österreich. Zwischen 1989 und 1993 stieg die Zahl der in Österreich lebenden Personen mit ausländischer Staatsangehörigkeit von 387.000 Personen auf 690.000, was nahezu einer Verdoppelung gleichkam. Mit dieser Entwicklung einher gingen die Erfolge und das Wachstum der FPÖ, was die Regierungsparteien zu mehreren Gesetzesreformen zwang. 1990 verabschiedeten sie ein Quotensystem für Beschäftigungsbewilligungen und 1991 ein neues Asylgesetz, das die Regeln für Asyl verschärfte und etwa das Konzept der „sicheren Drittstaaten“ und der „sicheren Herkunftsstaaten“ einführte.

1993 wurden die Gesetze durch das Fremdengesetz 1993 und das Aufenthaltsgesetz 1993 erneut verschärft (beide wurden 1997 zum Fremdengesetz zusammengefasst). Als Folge ging 1994/95 das Wanderungssaldo auf +10.271 zurück. Nur 1998 suchten noch einmal sehr viele jugoslawische Staatsbürger (v.a. Kosovaren) um Asyl in Österreich an. Es galt als neuer Leitspruch „Integration vor Immigration“. Außerdem wurde das Recht auf Familienzusammenführung erstmals 1993 offiziell eingeführt. 1997 wurde auch das Asylgesetz und 1998 das Staatsbürgerschaftsgesetz noch einmal novelliert. Das neue Asylgesetz sollte der Kritik von NGOs Rechnung tragen, was von diesen dann auch anerkannt wurde.

4. Phase der Neuen Migration

„Neue Migration“

Kurz vor der Jahrtausendwende kam es 1999 zu einer entscheidenden Wende in der Migrationspolitik: Während nicht-europäische Asylwerber bis dahin nur eine kleine Minderheit waren, wurden sie nunmehr zu einer bedeutenden Einwanderungsgruppe, was vor allem auf die Kriege in Tschetschenien, Afghanistan und Irak zurückzuführen war. 2000 standen Menschen aus Afghanistan mit 2280 Asylansuchen an der Spitze, gefolgt von iranischen (1.374), indischen (1343) und irakischen (1231) Staatsbürgern. Während 1997 6.719 Personen einen Asylantrag stellten, stieg die Anzahl im Jahr 2002 auf 39.354 Anträge, was nahezu eine Versechsfachung bedeutete. Erst im Jahr 2003 ging die Anzahl der Asylanträge langsam zurück, blieb aber bis 2005 auf einem sehr hohen Niveau.

Die vergleichsweise niedrigen Zahlen von 2006-2010 waren auf den EU-Beitritt der mittel- und osteuropäischen Staaten 2004 bzw. 2007 sowie auf gesetzliche Verschärfungen zurückzuführen. 2003 wurde nämlich das Fremdengesetz und das Asylgesetz schon wieder novelliert: Am bedeutendsten war die Beschränkung der Arbeitsmigration auf Schlüsselarbeitskräfte, weil es die außereuropäische Zuwanderung massiv einschränkte. Es kam in der Folge zwar zu einem starken Rückgang der Arbeitsmigration und der europäischen Flüchtlingsmigration, aber durch die europäische Personenfreizügigkeit zu einem starken Anstieg der Zuwanderung aus der EU. Während die Personenfreizügigkeit als Migrationshintergrund mit deutlichem Abstand an erster Stelle steht (ca. 70% der Zuwanderung 2014/2015), spielt auch auch der Familiennachzug eine große Rolle (ca. 10-13% der Zuwanderung 2014/15). Gemeinsam führten alle drei Faktoren zu einem exponentiellen Wachstum des Ausländeranteils.

Der Einbürgerungsrekord von 2003 mit 44.694 Einbürgerungen war nicht die Folge einer liberaleren Einbürgerungspolitik, sondern darauf zurückzuführen, dass viele der bereits jahrelang in Österreich niedergelassenen Migranten in diesen Jahren um die Staatsbürgerschaft ansuchen konnten. Auch seit 2005 wurden die Migrationsgesetze weiter reformiert, um die Zuwanderungsraten zu senken: 2005 trat ein neues Fremdenrechtspaket und 2010 das Fremdenrechtsänderungsgesetz in Kraft, 2013 das FNG-Anpassungsgesetz und 2015 erneut ein Fremdenrechtsänderungsgesetz – ohne jedoch die entscheidenden Probleme lösen zu können.

Hochphase der Masseneinwanderung seit 2010

Asyl-Migration im Spiegel der Bevölkerungsstatistik; Statistik Austria/Alexander Wiesbauer

Seit 1999 lag die Zuwanderung kontinuierlich bei über 80.000 Personen mit einem weiteren sehr starken Anstieg ab dem Jahr 2010, was zuerst aufgrund verstärkter Zuwanderung aus den Staaten der Europäischen Union, später auf verstärkter Asylmigration aus Drittstaaten basierte. Das führte zu einer enormen Nettozuwanderung von +113.100 im Jahr 2015, +64.600 im Jahr 2016 und +44.630 Personen im Jahr 2017.

Der Zuzug von Türken ging in diesem Zeitraum hingegen massiv zurück: Seit 2006 sank die türkische Zuwanderung auf etwa 5000 Personen/Jahr bei Wegzügen von etwa 3000 Personen/Jahr. 2016 wanderten nur noch 3.700 türkische Staatsangehörige nach Österreich ein. 2017 sank auch die Zuwanderung von EU-Bürgern um fast die Hälfte ( 35.371 Personen im Jahr 2016 auf 16.255 Personen im Jahr 2017).

Migration & Integration 2014; Statistik Austria

Da Nicht-Europäer kaum mehr über die Arbeitsmigration nach Österreich kommen können, spielt bei ihnen das Asylsystem eine große Rolle. Dabei zeigte sich zwischen 2004 und 20013, dass die Höhe der Anerkennungsquote als Flüchtling in keinem Zusammenhang mit der Zahl der gestellten Asylanträge steht und es sich beim Großteil der Asylwerber nicht um Flüchtlinge handelt. Das Asylsystem dient also der Mehrheit der Antragsteller als Mittel zur illegalen Migration nach Europa, was sich auch im Jahren ab 2015 nicht änderte.

Insbesondere 2014 und 2015 kam es zu einem dramatischen Anstieg der Asylanträge aufgrund der Konflikte im Nahen Osten. Ab 2016 ging die Zahl der Asylanträge wieder zurück und lag mit 42.285 Fällen etwa halb so hoch wie noch im Jahr 2015 (88.300). Sie lag jedoch noch immer deutlich über den Werten von 2012 und 2013 (jeweils rund 17.500) und auch 2014 (28.100). Im Jahr 2017 lag die Anzahl bei 24.296 Anträgen.

 

5. Fazit

Die ausländische Wohnbevölkerung entwickelte sich seit 1961:

  • 1961: 100.200 (1,4%)
  • 1981: 303.684 (4%)
    • davon 126.601 Ex-Jugoslawen
    • und 60.277 Türken.
  • 1991: 532.746 Personen (6,8%)
    • davon 207.693 Ex-Jugoslawen
    • und 120.493 Türken.
  • 2001: 764.314 Personen (9,4%)
    • davon 341.730 Ex-Jugoslawen
    • und 133.435 Türken.
  • 2017: 1.341.930 Personen (15,3%)
    • davon 116.800 Türken

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Masseneinwanderung bis zum Jahr 2000 Schubweise erfolgte. Vor allem in den 1960er-Jahren aufgrund des Gastarbeitersystem und um 1990 aufgrund der Kriege im ehemaligen Jugoslawien. Die Zuwanderung erfolgte dabei nicht demokratisch legitimiert und wurde von der Mehrheit der Österreicher stets abgelehnt. In den ersten 25 Jahren der Masseneinwanderung zwischen 1961 bis 1986 stand eine rein wirtschaftliche Motivation hinter den Entscheidungen , wobei eine dauerhafte Niederlassung von Zuwanderern überhaupt nicht intendiert war. Sie beruhte vielmehr auf einer Verkennung der Auswirkungen des Raab-Olah-Abkommens 1961, sowie des Gastarbeiterstopps im Jahr 1974.

Mit dem Jahr 1986 wurde die Migrationsfrage zum Teil des politischen Tagesgeschehens. Einher gingen die Ostöffnung und die Jugoslawienkriege und die Versuche, die Masseneinwanderung durch schärfere Gesetze zu stoppen, nachdem während der Jugoslawienkriege sehr viele Menschen in Österreich um Asyl ansuchten. Insgesamt hatte Österreich seit Beginn der Masseneinwanderung fünf Mal Phasen der Remigration und erreichte in den 1990ern erneut fast eine Nullzuwanderung.

Statistisches Jahrbuch 2017 – Österreichischer Integrationsfonds

Mit dem EU-Beitritt und der Osterweiterung sowie den Konflikten im Nahen Osten und dem System des Familiennachzugs stieg die Zuwanderung in den 200er-Jahren dramatisch an, wobei nun auch erstmals eine Masseneinwanderung von Nicht-Europäern unter dem Deckmantel des Asyl stattfand. Im Jahr 2016 führte dieser Missstand dazu, dass etwa 42% (73.000) der Zugewanderten aus Drittstaaten stammten.

Staatsbürgerschaft und Einwanderung 2016; Statistik Austria

Im Kontext dieser Jahrzehntelangen Entwicklung müssen auch die Einbürgerungen gesehen werden. Sie befanden sich seit den 1961er-Jahren konstant unter 10.000, bis zum Zeitraum der Jahre von 1990 bis 2008, in dem die Einbürgerungen weit über diesen Wert hinausgingen, bis sie sich im Jahr 2010 wieder stabilisierten.

Mit 1.1.2017 sind 16,5% der Bevölkerung in Österreich im Ausland geboren und von weiteren 5,6 Prozent stammen beide Elternteile aus dem Ausland, sie sind aber selbst in Österreich geboren (Zweite Zuwanderergeneration). Zusammen machen sie 22,1 Prozent der Bevölkerung aus. 37% der Bevölkerung mit Migrationshintergrund besitzen die österreichische Staatsbürgerschaft. Da Migranten eine viel höhere Geburtenrate als Österreicher aufweisen, ist es dramatisch und anzumerken, dass die bereits dritte Zuwanderergeneration aus den Statistiken verschwindet.

Von den 1.341.930 ausländische Staatsangehörigen sind die größten Gruppen: 181.600 Deutsche, 118.500 Serben, 116.800 Türken, 94.600 Bosnier und 92.100 Rumänen. Anfang 2012 hatten insgesamt 41.938 Afrikaner in Österreich gelebt, wobei die größte Gruppe mit 13.056 aus Ägypten stammte.