In meinem letzten Beitrag habe ich von einer Revolution der sozialen Netzwerke gesprochen. In diesem Beitrag stelle ich ein soziales Netzwerk vor, das die neuen Technologien bereits jetzt einsetzt und damit erahnen lässt, was die Zukunft bringen wird: Steem.

Gegründet wurde Steem im Jänner 2016 von Ned Scott und Dan Larimer. Ihre Idee war ein soziales Netzwerk auf Basis einer Blockchain, das dezentral aufgebaut ist und die Monetarisierung von Inhalten erlaubt. Im Mai 2018 meldete Steem die Registrierung des einmillionsten Accounts, wovon 60.000 auch tatsächlich sehr aktiv sind.

Blockchain-Netzwerk

Steem ist die erste Initiative, welche die Idee von Cryptowährungen und sozialen Netzwerken erstmals erfolgreich miteinander verbunden hat. Im Hintergrund verschiedener Apps und Websites läuft nämlich die Blockchain „Steem“, mit der sowohl die sozialen Netzwerke als auch die gleichnamige Cryptowährung STEEM betrieben werden.

Interessant ist, dass nicht nur die Cryptowährung, sondern auch die (textlichen) Inhalte und Interaktionen des sozialen Netzwerkes selbst in der Blockchain gespeichert werden. Das hat den Vorteil, dass die geposteten Inhalte völlig dezentral gespeichert sind und von niemandem gelöscht werden können.

Zahlreiche Apps und Websiten

Jeder Entwickler kann frei auf die Steem-Blockchain zugreifen sowie Daten auslesen und einfügen. Das hat dazu geführt, dass um Steem eine rege Entwicklungstätigkeit stattfindet. Leider befinden sich gegenwärtig noch alle Steem-Apps und -Websites in der Entwicklungsphase. Die erste und bekannteste davon ist die Plattform Steemit, die von den Gründern selbst geschaffen wurde und ein einfaches Mikroblogging ermöglicht.

Da es Steemit jedoch an Benutzerfreundlichkeit und Schönheit mangelt, ist die Plattform Busy.org um einiges interessanter. Sie erinnert an Twitter und macht die Verwendung der Steem-Blockchain wesentlich angenehmer. Vor allem bietet sie auch einige Funktionen, die Steemit nicht bietet: Benachrichtigungen bei Interaktionen, Bookmarking von Inhalten usw. Das Beste: Da alle Apps und Websites auf dieselbe Blockchain zugreifen, sind Inhalte von Steemit natürlich auch auf Busy verfügbar und umgekehrt.

Noch interessanter sind die Plattformen D.tube und Dlive.io, die eine Alternative zu YouTube bieten möchten. Auf ihnen können wie gewohnt Videos hochgeladen und sogar Livestreams veranstaltet werden. Beide Plattformen filtern die Blockchain nur auf Videobeiträge. Ähnlich funktioniert die App Steepshot, die Bild-Beiträge aus der Blockchain filtert und eine Alternative zu Instagram werden möchte. Es ist also bereits alles da, was das SocialMedia-Herz begehrt, auch wenn die Apps teilweise noch in der Beta- oder sogar Alpha-Version betrieben werden.

Monetarisierung der Nutzung

Egal ob ein Nutzer nun auf Steepshot, D.live oder Busy postet, Steem verwandelt die Inhalte in bares (Crypto-)Geld. Täglich werden nämlich neue Einheiten von STEEM erzeugt (im Fachjargon nennt man das „minen“). Von diesen neuen Einheiten gehen 10 Prozent an diejenigen, welche die Rechenleistung zum Erhalt der Blockchain zur Verfügung stellen und 90 Prozent werden an die Nutzer der sozialen Netzwerke ausgeschüttet.

Weil die Steem-Blockchain natürlich keine inhaltliche Bewertung der Beiträge vornehmen kann, wird die Belohnung nach den Interaktionen anderer Nutzer vergeben. Je mehr Upvotes ein Beitrag hat, desto höher die Belohnung. Wobei Nutzer, die selbst viel zur Plattform beitragen, auch eine wertvollere Stimme haben als inaktive Nutzer. Das schützt auch vor Missbrauch durch die Eröffnung zahlreicher Accounts. Wer einen Beitrag erstellt hat, bekommt 75 Prozent der Ausschüttungen, 25 Prozent werden zwischen denjenigen, die mit dem Beitrag interagieren, aufgeteilt.

Steem, „Steem Dollar“ und „Steem Power“

Sieben Tage nach der Veröffentlichung eines Beitrages erhalten die Nutzer ihre Belohnung. Diese wird zur Hälfte in Form von „Steem Power“ und zur Hälfte in „Steem Dollar“ ausgeschüttet. SteemPower gibt an, wieviel ein künftiger Like des Nutzers Wert ist. Derzeit benötigt man 46,70 Steem Power für einen 0,01 Steem Dollar Upvote.

Steem Dollar ist die Währung, die auf der Plattform selbst verwendet wird. Im Idealfall soll ein Steem Dollar in etwa einen US-Dollar wert sein. (Und tatsächlich ist Steem Dollar am heutigen Tag (23.6.2018) 1,08 US-Dollar wert.) Steem Dollar kann entweder gegen Steem Power oder gegen die Cryptowährung Steem gehandelt werden. Steem kann dann wiederum auf normalen Crypto-Tauschbörsen gehandelt werden und war am 18. Juni 2018 etwa 1,33 Euro wert.

Inhalte in der Blockchain

Dass Inhalte in der Blockchain abgespeichert werden, macht Zensur auf Steem unmöglich. Denn was in der Blockchain steht, bleibt auch auf ewig in der Blockchain. Selbst der Ersteller eines Beitrages kann ihn nur bis zu sieben Tage nach der Veröffentlichung bearbeiten. Der Zensurschutz wird allerdings durch eine technische Notwendigkeit getrübt: Denn kein normaler Nutzer wird sich die Blockchain selbst ansehen, sondern immer Plattformen wie Busy und Steepshot benutzen.

Diese wiederum können frei wählen, welche Inhalte aus der Blockchain angezeigt werden. So lobt beispielsweise die Steem-Fundraising-Plattform Fundition auf der Startseite die Zensurfreiheit von Steem, um in den Nutzungsbedingungen zu erklären: „Sexual, political, racist and any remarks likely to harm any person. Posters or supporters of such messages will run the risk of being excluded entirely and without warning from this.“

Die Nutzer entscheiden

Kontroverse Inhalte bleiben also jedenfalls in der Blockchain, könnten allerdings von den Plattformen ausgeblendet werden. Der Unterschied zur Zensur ist gering. Doch bleibt zu betonen, dass die meisten Steem-Plattformen die Nutzer durch Up- und Downvotes entscheiden lassen, was angezeigt wird. Und natürlich gilt auch hier: Wer über mehr Steem Power verfügt, dessen Stimme ist gewichtiger.

Das ist eine Vorsichtsmaßnahme, denn ganz ohne Zensur können natürlich auch diese Plattformen nicht auskommen. Was wäre mit Kinderpornos und Terroristen? Doch auch wie die Plattform mit „flag wars“ umzugehen gedenkt, ist nicht ganz klar. Denn in Zeiten von „Reconquista Germanica“ und dem verzweifelten Gegenprojekt „Reconquista Internet“ könnten politisch kontroverse Inhalte durch Downvotes zum Verschwinden gebracht werden. Ebenfalls ist nicht klar, was gegen einen Missbrauch durch Accounts mit viel Steem Power gemacht werden kann.

Nur etwas für Nerds?

Ich hatte mich vor zwei Wochen selbst auf der Plattform registriert und musste erstmals ernüchternd feststellen, dass die reguläre Freischaltung länger als eine Woche dauert. Dass dieses Problem, das wohl eines der wichtigsten ist, innerhalb von zwei Jahren nicht gelöst wurde, war schon vor der eigentlichen Nutzung ernüchternd.

Erst in weiterer Folge wurde ich dann auf die tollen Projekte Busy, Live.io und Steepshot aufmerksam. Vor allem die gegenseitige „Synchronisierung“ der Inhalte hatte es mir richtig angetan, weil man problemlos zwischen den Plattformen hin- und herwechseln kann und sie im Gegensatz zu Steemit auch noch ansprechend aussehen.

Doch bereits das Schreiben eines Beitrags war alles andere als angenehm. Denn man hat nur die Möglichkeit, selbst HTML einzugeben, Steem-Markups zu verwenden oder einen ziemlich schlechten Editor zu verwenden. Für die Allgemeinheit viel zu umständlich, für mich aber machbar. Gesagt, getan und schon hatten mir drei „Bots“ einen Kommentar hinterlassen.

Ich frage mich ernsthaft, was sich „normale“ Leute dabei denken, die mit solchen Plattformen noch nie etwas zu tun hatten. Nicht nur, dass Bots nicht als ein zu bekämpfendes Übel auf Steem wahrgenommen werden – Nein, sie sind sogar ein integraler und wichtiger Bestandteil der Plattform. Sie verfügen oft über sehr viel Steem Power und werden etwa zur Bewerbung von Inhalten verwendet.

Dabei steht der monetäre Aspekt bei vielen Nutzern klar im Vordergrund. Auf der Startseite der Plattformen befinden sich die „Trends“, in die sich viele Nutzer mittels Bots katapultieren. Anfangs war ich total überrascht, dass manche Nutzer mit Beiträgen einige hundert Dollar verdienen: Doch bei näherer Betrachtung ist vieles davon nur zuvor gekauft, um auf die Startseite zu kommen. Die Rechnung ist einfach: Viele Nutzer investieren Steem, um sich auf die Startseite zu bringen und damit mehr Interaktionen und Geld zu verdienen. Ein Glücksspiel. Es ist zwar nett, dass auf Werbung verzichtet wird, aber das erledigen nun Bots in einer sehr unsauberen Art und Weise, die zudem sehr abschreckend wirkt.

Dabei gibt es auch Nutzer, die die Plattform wirklich gut verwenden, allen voran hat sich eine Reise-Community gebildet, die Steem mit ihren Beiträgen wirklich bereichert. Auch auf D.live scheint sich eine lebhafte Community für Computerspiele zu entwickeln und wenn Steepshot an Geschwindigkeit zulegt, wäre auch das ein äußerst ansprechendes Projekt.  Möglicherweise liegt es an der frühen Entwicklungsphase, dass man gegenwärtig wohl ein echter Steem-Fan sein muss, um die Plattform zu nutzen.

Alles in die Blockchain?

Steem ist die erste Plattform ihrer Art und wegweisend für weitere Entwicklungen. Doch steht noch eine intensive Arbeit an der Benutzerfreundlichkeit an, um es wirklich für die breite Masse brauchbar zu machen. Das muss vor allem von den Plattformen kommen, welche die Blockchain auswerten. Denn einige Dienste können kaum über die Blockchain abgehandelt werden. Etwa das Versenden von Privatnachrichten: Wer will schon, dass seine Privatnachrichten – zwar verschlüsselt, aber doch – auf ewig in einer Blockchain sind?

Außerdem können Postings gegenwärtig nur für sieben Tage bearbeitet werden, bevor sie dauerhaft und unveränderlich in der Blockchain abgespeichert werden. Jeder große Blogger war jedoch schon einmal mit einer Klage konfrontiert und musste Inhalte gegebenenfalls löschen. Für Personen, die mit Klarnamen auf Steem aktiv werden wollen, ein enormes Risikopotential.

Akkumulation der Macht

Doch Steem krankt an einem noch viel gravierenderen Problem: nämlich einer zwangsläufigen Akkumulation von Macht. Ich hatte schon geschildert, dass Steem Power dafür ausschlaggebend ist, wieviel Gewicht die Wertung eines Nutzers hat. Etwa wie wertvoll ein Upvote ist und ob Beiträge sichtbar bleiben oder zensiert werden – das alles entscheiden Accounts mit viel Steem Power.

Nun gibt es Steem seit zwei Jahren und bereits jetzt sollen nur zwei Prozent der Nutzer das komplette Steem-Ökosystem kontrollieren. Diese Nutzer werden als „Wale“ bezeichnet. Einige von ihnen Upvoten vor allem sich selbst und erhalten auch sonst durch eine plattform-interne Verzinsung mehr und mehr an Macht. Es kommt dadurch zu einer dramatischen Benachteiligung neuer Nutzer, die vielleicht extrem aktiv sein mögen und wertvolle Inhalte in die Plattform einbringen, aber mit ein paar Cent abgespeist werden, während minderwertige Beiträge durch einen Wal-Upvote mit viel Geld belohnt werden.

Auch dafür, dass diese Wale ihre Macht nicht zur Zensur von unliebsamen Meinungen missbrauchen, gibt es keine Garantie und tatsächlich passiert das auch nicht selten. Das trübt die Erwartungen an Steem doch gewaltig. Denn die Wale sind anonym und konnten vor allem in der Anfangsphase rasch aufsteigen. Ob eine Lösung für das Problem gefunden werden kann, ist nicht bekannt. Es ist jedenfalls ein heiß diskutiertes Thema auf der Plattform.

Bis die verschiedenen, wirklich guten Apps und Websites ausgereift sind, könnte das Akkumulationsproblem der Blockchain längst ein Ende von Steem bedeuten. Dabei könnte sich Steem etwa an Minds orientieren, wo jeder Nutzer – egal ob er schon lange dabei ist oder komplett neu – „gleich wertvoll“ ist und Ausschüttungen rein auf Aktivität und Leistung basieren.

Fazit

Gegenwärtig ist Steem meiner Einschätzung nach noch nicht für eine breite Masse tauglich. Zum einen ist das System an sich schon kompliziert genug, aber die Existenz von Bots verschlimmert die Situation noch ungemein. Hinzu kommt, dass die Nutzeroberflächen noch in der Entwicklung sind und wichtige Social-Media-Funktionen wie Privatnachrichten fehlen. Selbst das Flaggschiff Steemit wirkt wie aus dem vorigen Jahrzehnt.

Hinzu kommt die zunehmende Akkumulation von Macht und Geld, was – statt neue Nutzer zu fördern – neue Nutzer systematisch diskriminiert. Es wundert daher nicht, dass die Zahl aktiver Nutzer seit Jänner 2018 stagniert. Aus zwei Gründen empfehle ich aber trotzdem Jedem die Verwendung der Plattform: Erstens lebt die Entwicklung von der Nutzung. Zweitens bekommt man einen guten Einblick in die Zukunft der sozialen Netzwerke.

Ausblick: Nächste SteemGeneration?

Die Entwickler um Ned Scott konzentrieren sich momentan auf die Entwicklung von sogenannten Smart Media Tokens (SMT), die eine Öffnung der Steem-Blockchain für weitere Währungen bedeuten sollen. Tatsächlich steht die erste App schon in den Startlöchern: Appics (und Steem-Gründer Ned Scott dient ihr auch als Adviser). Das Problem mit der Bedienungsfreundlichkeit haben sie erkannt: „In order to create a token-based economy and make cryptocurrency mainstream, all complexity and technical intricacy must be covered up and the interactive interface must be presented to the user in its most simpli ed form. Using the application has to feel natural, and easy to understand without prior crypto-knowledge.“

Doch scheint das strukturelle Problem der Akkumulation weiterhin nicht erkannt zu sein: „The amount of tokens also represents the power of the ‚like’ of a user. Thus, the more APPICS power an account has, the more impact its ‚like’ has.“ Es bleibt also spannend, was sich in diesem Jahr noch so alles bei Steem tun wird.