Der Islam rangiert gegenwärtig mit geschätzten 1,5 Milliarden Anhängern auf Platz 2 der Weltreligionen. Auch wenn die Islamisierung Europas in aller Munde ist, bleibt der Islam für viele Europäer ein großer Unbekannter. Eine Serie von Artikeln soll sich deshalb den wichtigen Fragen rund um den Islam widmen. Zuerst möchte ich klären, wer denn eigentlich gemeint ist, wenn vom Islam gesprochen wird. Das ist auch dringend notwendig, denn der Islam ist durch eine enorme innere Vielfalt geprägt, die von den puritanischen Wahhabiten Saudi-Arabiens bis zu den mystischen Sufis Indiens reicht. Dieser erste Artikel widmet sich den Ibaditen und den Schiiten.

Die Wurzeln der islamischen Spaltung gehen bis auf die ersten Jahrzehnte nach Mohammeds Tod am 8. Juni 632 zurück und liegen in einer unklaren Nachfolge für den Propheten begründet. Eine Fraktion der islamischen Gemeinde („Umma“) war nämlich der Ansicht, dass Mohammed seinen Cousin und Schwiegersohn Ali zu seinem Nachfolger und damit zum geistlichen und weltlichen Oberhaupt bestimmte. Die andere Fraktion war der Auffassung, dass Mohammed keine Nachfolgeregelung getroffen hatte und deshalb die muslimische Gemeinde selbst seinen Nachfolger bestimmen müsste.

Nur Tage nach Mohammeds Tod bestimmte die junge islamische Gemeinde den Schwiegervater von Mohammed, Abu Bakr, zum Nachfolger. Dieser bezeichnete sich in der Versammlung auch selbst als „Nachfolger des Gesandten Gottes“, wovon später der Titel „Kalif“ abgeleitet wurde. Wenngleich Ali dem ersten Kalifen keinen Treueeid leistete, legte er auch keinen Protest gegen die Wahl des ersten Kalifen Abu Bakr und auch nicht gegen dessen Nachfolger Umar (zweiter Kalif) und Uthman (dritter Kalif) ein.

Der vierte Kalif

Erst als der dritte Kalif Uthman ermordet wurde, stellte sich erneut die Nachfolgefrage und diesmal wählte die Gemeinde Ali zum neuen Kalifen. Dieser soll das Amt auch nur widerwillig angenommen haben. Nach Ansicht der Anhänger Alis wurde hier endlich der legitime Nachfolger Mohammeds zum geistlichen und weltlichen Führer der Muslime. Doch Aischa, die jüngste von Mohammeds Frauen, stellte sich gegen Ali, weil dieser – zumindest ihrer Meinung nach – die Ermordung von Uthman nicht angemessen aufklären wollte. Sie stellte deshalb sogar die Behauptung auf, dass Ali sogar selbst am Kalifen-Mord beteiligt gewesen war.

Um Ali den Kampf anzusagen, konnte Aischa unter anderem die mächtige Familie der Umayyaden auf ihre Seite ziehen, die eine Bestrafung der Mörder Uthmans forderten und ursprünglich zu erbitterten Gegnern des Propheten gehört hatten. Damit begann der innerislamische Bürgerkrieg, in welchem es am 9. Dezember 656 zur berühmten „Kamelschlacht“, der Schlacht von Basra, kam. Ali siegte gegen Aischa, welcher er vergab und sie nach Medina zurückbringen ließ. Der Umayyade Muawiya – der auch ein Verwandter von Uthman war – saß hingegen weiterhin als mächtige Opposition in Syrien. Deshalb kam es zu einer weiteren Schlacht bei Siffin im Jahr 657.

Die Ibaditen

Als sich bei der Schlacht von Siffin ein Sieg von Alis Truppen abzeichnete, griff Muawiya zu einer List. Er ließ Blätter von Koranexemplaren auf den Lanzen seiner Krieger befestigen um der Gegenseite zu zeigen, dass auch sie nur Muslime seien. Ali brach daraufhin die Schlacht ab und erklärte sich bereit, dass ein Schiedsgericht über das Verhalten Uthmans, die Schuld an dessen Tod und damit indirekt auch die Rechtmäßigkeit seines eigenen Kalifats entscheiden sollte. Ein Teil seiner Anhänger – später Charidschiten („Auszügler“) genannt – war hingegen der Ansicht, dass nur ein Gottesurteil die Fragen klären konnte. Sie lehnten einen Schiedsspruch als menschengemachtes Urteil und Verrat am Islam ab und pochten auf ein Gottesurteil durch den Ausgang der Schlacht. Doch Ali lenkte nicht ein.

Die Charidschiten sagten sich deshalb von Ali ab und wählten einen neuen Anführer. Sie erklärten Uthman und Ali zu Ungläubigen und ermordeten alle, die Uthman und Ali nicht verfluchten wollten. Sie lehnten die Vorherrschaft der Quraisch (der arabische Stamm Mohammeds) ab und vertraten die Auffassung, dass der „beste Muslim“ unabhängig seiner familiären oder ethnischen Herkunft das Kalifenamt ausüben sollte. Nicht nur ihre Aggressivität, sondern auch ihre Armee nahm immer weiter zu. Das zwang Ali zum Handeln. Während Ali auch einige Charidschiten für sich zurückzugewinnen konnte, richtete er 658 unter den Übrigen in Nahrawānein Massaker an, dem auch der charidschitische Anführer zum Opfer fiel. Den Aufstand konnte Ali jedoch nicht gänzlich niederschlagen und wurde 661 als Rache selbst durch einen Charidschiten ermordet.

Nur eine gemäßigte Form der Charidschiten, die Ibaditen, konnten sich bis heute halten, während der Rest bereits unter dem ersten Kalifen der Abbasiden vernichtet war. Sie haben heute etwa 2 Millionen Anhänger und stellen nur im Oman die Mehrheit der Bevölkerung. Sunniten und Schiiten werden von ihnen auch heute noch als Ungläubige angesehen. Dennoch ist Oman Mitglied des „Golf-Kooperationsrats“ und arbeitet mit dessen Mitgliedern wie Saudi-Arabien eng zusammen. Weil die Bevölkerungsmehrheit weder schiitisch noch sunnitisch ist, versucht der Oman – eine absolute Monarchie mit Staatsreligion Islam – eine Vermittlerrolle in Konflikten des Nahen Osten einzunehmen.

Die Schiiten

Von viel größerer Bedeutung ist heute die zwei große Gruppe der Muslime, die Schiiten. Sie herrschen heute insbesondere im Iran und stellen im Irak, in Aserbaidschan und Bahrain die Bevölkerungsmehrheit. Der Name leitet sich von „Partei Alis“ ab. Die Schiiten gehen nämlich auf die Fraktion zurück, die der Auffassung war, dass nach dem Tod Mohammeds nicht sein Schwiegervater Abu Bakr, sondern Ali der rechtmäßige erste Kalif gewesen wäre.

Nachdem Ali 661 durch einen Charidschiten ermordet wurde, rückte der Umayyade Muawiya mit seinen Truppen erneut in den Irak vor, wo inzwischen Alis Sohn Hasan zum Kalifen ernannt wurde. Weil Muawiya militärisch überlegen war, konnte er Hasan mit Geld und dem Recht auf die erneute Thronnachfolge nach Muawiyas Tod zum Treueeid überreden. Doch als Muawiya starb hielt er sich nicht an die Vereinbarung und ernannte stattdessen seinen Sohn Yazid zum Nachfolger.

Dagegen regte sich Widerstand durch den zweiten Sohn Alis namens Hussain. Es kam zwischen Yazid und Hussain zur Schlacht von Kerbela im Jahr 680, die für Schiiten auch heute noch symbolisch für den Kampf zwischen Gut und Böse steht. Weil viele Anhänger Hussains aus Angst vor der Übermacht Yazids davonliefen, wurde Hussain vernichtend geschlagen. Am Ende soll das Verhältnis der Armeen nur noch 72 zu 4000 gewesen sein. Hussain ging als Märtyrer und die Schlacht von Kerbela als das tragischste Ereignis in die schiitische Geschichte ein. Damit war auch die Spaltung der Schiiten vom Rest der Muslime besiegelt.

Während für die nicht-schiitischen Muslime die ersten „vier Rechtgeleiteten Kalifen“ Abu Bark, Umar, Uthman und Ali von großer Bedeutung sind, verehren die Schiiten die sogenannten Imame. Nach schiitischer Lehre müssen die Imame als Nachfolger Mohammeds immer aus Mohammeds Familie stammen, wobei ein Imam immer von seinem Vorgänger bestimmt wird. Die ersten drei Imame sind Ali, Hasan und Hussain. Bei der sogenannten „Zwölfer-Schia“, mit 85 Prozent die größte Gruppe unter den Schiiten und Staatsreligion im Iran, geht die Liste der Imame bis zum zwölften Imam weiter, bis die Kette abbrach, weil der zwölfte Iman spurlos verschwand. Dieser zwölfte Imam, Imam Mahdi, lebe seit dem 9. Jahrhundert in der Verborgenheit (und ohne zu altern auf der Erde) und werde am Ende der Zeiten wiederkehren, um die Welt zum wahren Glauben zu führen.

Während seiner Abwesenheit vertritt ihn das Kollektiv schiitischer Rechtsgelehrter. Diese Rechtsgelehrten werden Ajatollah genannt, von denen es allein im Iran etwa 5000 geben soll. Eine Stufe über ihnen stehen die Großajatollahs, von denen es weltweit 20 gibt (14 davon im Iran, 1 Irak). Der Berühmteste war wohl Ruhollah Chomeini, der politische und religiöse Führer der Islamischen Revolution 1979 im Iran. Er agierte von iranischen Qom aus, wo auch heute noch die wichtigsten theologischen Diskussionen der Schia stattfinden (etwa 50.000 Studenten). Auf Platz zwei folgt die islamisch-theologische Hochschule von Nadschaf im Irak (13.000 Studenten) und auch die Gelehrten in Kerbela sind von Bedeutung. Ali Chamenei übt heute zwar als Nachfolger von Chomeini das höchste geistliche und politische Amt im Iran aus, ist jedoch kein Großajatollah.

Als Quellen der schiitischen Rechtssprechung dienen der Koran, die Überlieferungen vom Handeln des Propheten und der Imame sowie der Konsens der Gelehrten und deren Rechtsfindung aufgrund rationaler Erwägungen. Jeder Schiit muss sich einem lebenden Rechtsgelehrten anschließen, da nur diese befähigt sind, den Koran und die anderen Rechtsquellen des Islams zu interpretieren.

Weitere schiitische Gruppen

Die zweitgrößte Gruppe unter den Schiiten bilden die Ismailiten, die aus der Imamiten-Schia hervorgegangen sind. Heute gibt es rund 20 Millionen Anhänger, wovon fast alle der Untergruppe der Nizariten angehören. Bei ihnen ist die Imam-Folge nie abgebrochen, sondern besteht bis heute fort. Seit 1958 ist der 49. Imam der nördlich von Paris lebende Karim Aga Khan IV., der über ein Vermögen von zehn Milliarden Euro verfügt und von Nicolas Sarkozy 2008 von sämtlichen Steuerzahlungen befreit wurde. Seine Aga-Kahn-Stiftung ist die größte private Entwicklungsorganisation der Welt.

Eine weitere schiitische Gruppen sind die Zaiditen, bei denen nur Nachkommen von Mohammeds Enkel Hasan und Husain die Führung der Muslime beanspruchen können. Bekannt ist auch die Gruppe der Alawiten (nicht zu verwechseln mit den Aleviten!), die insbesondere in der syrischen Baath-Partei eine Rolle spielen. Auch die Assad-Familie gehört dazu. Außerdem hat sich aus der Zwölfer-Schia im 19. Jahrhundert das Bahaitum als eigenständige Religion entwickelt.

Bei zwei weiteren Gruppen, die aus der Schia hervorgegangen sind, ist das Verhältnis zum Islam umstritten: den Drusen und den Aleviten. Die Aleviten stellen insbesondere mit 15% die zweitgrößte Religionsgruppe der Türkei dar und sind in Österreich durch Efgani Dönmez bekannt. Insbesondere werden von ihnen die Verbote und Gebote aus dem Koran nicht anerkannt. Drusen gibt es vor allem in Syrien (700.000), im Libanon (280.000) und Israel (125.300). Sie lehrten ab dem 11. Jahrhundert, dass der damals lebende Kalif al-Ḥākim Gott sei. Ein interessanter Aspekt ist, dass Drusen weder Missionieren, noch eine Konvertierung zum Drusentum möglich ist. Druse ist, wer Kind drusischer Eltern ist. Kopftuch und Moscheen sucht man bei beiden Gruppen vergebens.