Im ersten Teil dieser Reihe widmete ich mich zwei von drei islamischen Grundströmungen: Den Schiiten und den Ibaditen. Diese machen zusammen jedoch nur 15 Prozent der Muslime aus und nur die Islamische Republik Iran ist nach schiitischen Vorbild geprägt. Den mit riesigem Abstand bedeutendste Gruppe innerhalb des Islams bilden die restlichen 85 Prozent: die Sunniten.

Im Gegensatz zur Schia und den Ibaditen anerkennen die Sunniten die ersten vier Nachfolger Mohammeds (Abu Bakr, Umar, Uthman und auch Ali) und verehren diese als die vier „rechtgeleiteten Kalifen“. Neben dem Koran spielen die sogenannten „sechs Bücher“ eine große Rolle im Sunnitentum. Dabei handelt es sich um eine kanonische „Hadithen“-Sammlung – also Aussprüche, Handlungen und Anweisungen des Propheten, die nachahmenswerte und zu befolgende Normen beinhalten. Diese Lebensweise des Propheten wird als „Sunna“ bezeichnet, was den Sunniten ihren Namen gibt.

Das Kalifat

Abdülmecid II.

Die Einheit der Sunniten wurde über Jahrhunderte durch das Kalifat bestimmt. Im ersten Teil dieser Serie („Strömungen im Islam – Ibaditen und Schiiten“ ) wurde die Entwicklung der muslimischen Anführer von Mohammed bis zum Umayyaden Muawiya nachgezeichnet. Dieser sorgte nicht nur für die endgültige Spaltung zwischen Schiiten und Sunniten, sondern leitete auch die Herrschaft der Umayyaden ein. Während die Umayyaden ihre prophetische Legitimität vom Stamm der Quraisch ableiteten, zu dem auch Mohammed gehörte, leiteten deren Nachfolger, die Abbasiden, die Legitimität ihrer Dynastie von einem Prophetenonkel ab. Sie herrschten von 750 bis 1258. Auf ihre Herrschaft folgte ein machtloses Abbasidenkalifat in Kairo, das mit der osmanischen Eroberung Ägyptens auf den osmanischen Sultan überging. Der letzte Kalif war Sultan Abdülmecid II., der 1924 von Atatürk abgesetzt wurde. Seitdem gibt es keine weltliche und geistliche Führung in Form eines anerkannten Nachfolgers Mohammeds mehr, wenngleich die Kalifen eine religiöse Autorität nie wirklich beanspruchen konnten.

Die Rechtsschulen

Dennoch ist für das Verständnis des Islam auch weiterhin wichtig, dass es das Kalifat gab. Denn beim Islam handelt es sich um eine „Gesetzesreligion“. Während das Christentum in Opposition zum Staat entstand und der Fokus deshalb auf dem individuellen Dasein und seinem Heil im Jenseits lag, entstand der Islam im Gegenteil als „Staat“. In der islamischen Lehre spielte deshalb von Beginn an auch das gesellschaftliche und staatliche Leben eine bedeutende Rolle – man denke an die Gemeindeordnung von Medina, die von Mohammed selbst geschaffen wurde.

Trotz Kalifat gab es in der Praxis immer schon eine beinahe unendliche Vielfalt von Auffassungen über das islamische Recht, was für die Rechtssicherheit unter Muslimen ein großes Problem darstellte. Deshalb entstanden die Rechtsschulen (Madhhab), die die Frage klärten, welche Rechtsmeinungen autoritativ sind. Sie bestehen auf der einen Seite aus einem Korpus an Rechtslehren und auf der anderen Seite aus individuellen Rechtsgelehrten. Ihre Stellungnahmen stellen sie unter die „Schirmherrschaft“ der Schulgründer, dessen Auffassungen meist als endgültig angesehen werden.

Innerhalb des Sunnitentums gibt es vier Rechtsschulen, die sich auch offiziell gegenseitig anerkennen. Sie unterscheiden sich darin, wie sie mit Fragen umgehen, zu denen es keine eindeutigen Antworten im Koran und der Sunna gibt. Zur Beantwortung dieser Fragen wenden sie verschiedene Quellen der Rechtsfindung an.

Hanafitische Schule

Die nach Abu Hanifa (699-767) benannte größte Rechtsschule (etwa ein Drittel aller Muslime) ist vor allem in den ehemaligen Ländern des Osmanischen Reiches verbreitet: der Türkei, Syrien, Irak und Ägypten. Sie anerkennt als Rechtsquellen neben dem Koran, der Sunna, dem Analogieschluss und dem Konsens der Gelehrten auch die persönliche Rechtsfindung von Rechtsgelehrten und das Wohl der islamischen Gemeinschaft. Insbesondere spielt das persönliche Urteil der Gelehrten auf Basis vernunftbezogener Begründung eine zentrale Rolle. Unter den Abbasiden und den Osmanen handelte es sich bei dieser ursprünglichen „Schule von Kufa“ um die „staatliche“ Rechtsschule. Entgegen offizieller Darstellungen wurde nur diese Schule in der alten Habsburger-Monarchie im Jahr 1912 anerkannt.

Schafiitische Schule

Die zahlenmäßig zweitgrößte Schule ist die schafiitische Schule. Sie ist nach As-Shafi’i (767-820) benannt und vor allem im Jemen, am Horn von Afrika sowie Südostasien vertreten. Sie anerkennt als Quellen nur die ursprünglich von As-Shafi’i vorgesehenen: den Koran, die Sunna, den Analogieschluss und den Konsens unter Rechtsgelehrten. Dem Koran ist dabei immer der Vorrang einzuräumen, obwohl auch dem Analogieschluss und dem Konsens eine wichtige Bedeutung zukommen. Diese Strömung stellte im Mittelalter die bedeutendsten islamischen Gelehrten wie al-Ghazali und al-Aschari.

Malikitische Schule

Die malikitische Schule wurde von Malik ibn Anas al-Asbahi (715-795) begründet und findet sich vor allem im Magreb und der Subsahara. Zu den vier Rechtsquellen der schafiitischen Schule fügen sie den Rechtsentscheid im Dienste der Wahrung des öffentlichen Interesses hinzu. Die malikitische Schule geht auf die „Schule von Medina“ zurück und war vor der Reconquista die maßgebliche Schule in Spanien.

Hanbalitische Schule

Ahmad ibn Hanbal (780-855) war Begründer der hanbalitischen Rechtsschule, die bis zum 18. Jahrhundert nicht sehr einflussreich war. Sie lehnt jede Form menschlicher Rechtsfindung ab und war eine Reaktion auf die rationalistischen Mutaziliten. Sie lässt ausschließlich die Traditionen von Mohammed und seiner Gefährten gelten, wobei die Nachahmung Mohammeds im Mittelpunkt steht. Bedeutung gewann diese Rechtsschule vor allem mit Ibn Abd al-Wahhab (1703-1787), der die wahhabitische Bewegung ins Leben rief und eine produktive Verschmelzung mit dem Saudischen Königreich einging. Insbesondere in Saudi-Arabien und den Golfstaaten sind sie von großer Bedeutung, auch wenn die Hanbaliten mit Abstand die kleinste Rechtsschule darstellen.

Staatliche Einflüsse

Alle vier Rechtsschulen entstanden in den ersten Jahrhunderten nach Mohammed, wobei ab dem 10. Jahrhundert keine neue mehr gegründet worden ist. Das wurde mit dem Begriff „Schließung des Tores des Idschtihad“ – dem Ende der selbstständigen Interpretation der Rechtsquellen – begründet. Seitdem mussten sich Rechtsgelehrte eine dieser Schulen anschließen. Zu betonen ist, dass die Schulen nicht mit den Konfessionen des Christentums zu vergleichen sind – insbesondere weil es im Islam keine kirchenähnlichen Strukturen gibt. Stattdessen wird die islamische Lehre unter anderem durch Rechtsgelehrte (Ulema) vermittelt.

Während die Rechtsschulen über lange Zeit hinweg die anerkanntesten Institutionen für die Lehre und Interpretation der prophetischen Tradition waren, ging ihr Einfluss ab dem 17. Jahrhundert zurück. Herrscher bemühten sich um eine verstärkte staatliche Kontrolle von Rechts- und Bildungseinrichtungen und drängten den Einfluss der Ulema zurück. Im 20. Jahrhundert verstärkte sich dieser Prozess mit der Entstehung von Nationalstaaten in der islamischen Welt, welche die religiösen Institutionen und Stiftungen unter ihre Kontrolle nahmen.

So wurde etwa die größte Autorität innerhalb des sunnitischen Islams, die Azhar-Universität in Kairo, unter die Kontrolle des ägyptischen Staates gestellt (Sie übt einen sehr großen Einfluss auf die Hanafiten und Schafiiten aus). In der Türkei wurde unter Atatürk das „Präsidium für Religionsangelegenheiten“ als oberste religiöse Instanz geschaffen, das direkt dem türkischen Präsidenten unterstellt ist und in den letzten Jahrzehnten zur Reislamisierung genutzt wird. Im wahhabitischen Saudi-Arabien gibt es den „Rat der Höchsten Religionsgelehrten“ als höchste religiöse Körperschaft, dessen Präsident ʿAbd al-ʿAzīz Āl asch-Schaich gleichzeitig das Amt des stellvertretenden Justizministers bekleidet und Präsident der Religionspolizei ist. In Pakistan gibt es den Council of Islamic Ideology, der die Regierung und das Parlament in islamischen Fragen berät.

Internationale Organisationen

Seit dem Ende des Kalifats drücken insbesondere internationale Organisationen die Einheit der Muslime aus. Sie wurzeln in der Idee des Panislamismus, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch vom osmanischen Kalifen gegen den aufkommenden Nationalismus gefördert wurde. Noch im Jahr der Abschaffung des Kalifats berief König Husain vom Hedschas eine erste „Konferenz der Pilgerfahrt“ ein. Nach mehreren Anläufen war es letztlich der 1947 neu gegründete islamische Staat Pakistan, der wichtige Initiativen zur Gründung internationaler Organisationen setzte.

1949 fand in Karatschi (Pakistan) die Gründungstagung des Islamischen Weltkongresses statt, die wesentlich von arabischen Muslimbrüdern getragen wurde. Es ist die erste noch heute bestehende internationale islamische Organisation. Sie hat neben Karatschi auch Büros in Genf, Dschidda und Wien. Laut dem ehemaligen pakistanischen Botschafter in den USA, Husain Haqqani, hat der Kongress „eine entscheidende Rolle dabei gespielt, das Gefühl einer muslimischen Opferrolle aufzubauen, das später die globale islamistische Bewegung gespeist hat.“

1962 folgte die Liga der Islamischen Welt in Mekka, die von Individuen und Vereinen getragen wird und eine Art „religiös-politische Missionsorganisation des saudischen Staats“ ist (vgl. Der Islam in der Gegenwart, S. 745), der die Liga auch finanziert. Erklärtes Ziel laut Satzung: „In Erfüllung der Pflicht, die uns Gott auferlegt hat, die Botschaft des Islams zu verbreiten, seine Prinzipien und Lehren zu erläutern, die Zweifel an ihm zu zerstreuen und die gefährliche Verschwörung, durch die die Feinde des Islams die Muslime von ihrer Religion fortlocken und ihre Einheit und brüderliche Verbundenheit zerstören wollen, zu bekämpfen.“ Als Mittel dient insbesondere die jährliche Pilgerfahrt nach Mekka, auf der Pilger belehrt werden. Die Liga ist heute die wichtigste internationale islamische Organisation auf nicht-staatlicher Basis und besitzt Beobachterstatus in den Vereinten Nationen. Die Liga fördert in großem Ausmaß die missionarische Tätigkeit in Europa und den USA und finanziert auch islamistische Gruppen in der Türkei in erheblichen Ausmaß.

1969 wurde auf Einladung von Saudi-Arabien und Marokko die Organisation der Islamischen Zusammenarbeit (OIC) in Rabat (Marokko) gegründet. Bis 2011 hieß sie Organisation der Islamischen Konferenz. Die OIC schuf nicht nur ein ständiges Sekretariat in Dschidda (Saudi-Arabien), sondern hält auch jährlich eine Konferenz der Außenminister islamischer Länder ab. Außerdem ist eine Konferenz der Könige und Staats- und Regierungsoberhäupte vorgesehen, wann immer das für notwendig erachtet wird. Die OIC wird von den Mitgliedstaaten entsprechend dem nationalen Einkommen getragen, wodurch die arabischen Ölstaaten ein erhebliches Gewicht besitzen. Es gibt einen „Islamischen Solidaritätsfond“ und eine „Islamische Entwicklungsbank“. Der Fond dient zur Hilfe bei Naturkatastrophen und zur Förderung islamischer Minderheiten. Außerdem dient der Fond – der zu einem Drittel von Saudi-Arabien getragen wird – der Missionierung. Heute umfasst die OIC 56 Staaten – wobei eine bedeutende islamische Minderheit ausreicht, damit ein Staat Mitglied werden kann. Obwohl eine politische Einigung zwischen den unterschiedlichen Staaten schwierig ist und die OIC deshalb gegenwärtig kaum handlungsfähig ist, handelt es sich bei der OIC um die einzige zwischenstaatliche internationale Organisation auf religiöser Basis weltweit.

Von den 56 Staaten, die Mitglied der Organisation für Islamische Zusammenarbeit sind, haben folgende den Islam als Staatsreligion: Bangladesch, Dschibuti, Irak, Jemen, Pakistan. Sunnitisch sind Afghanistan (seit 2004), Ägypten, Algerien, Bahrain, Brunei, Jordanien, Katar, Komoren, Kuweit, Libyen, Malaysia, Malediven, Marokko, Mauretanien, Saudi-Arabien, Somalie, Tunesien und die Vereinigten Arabischen Emirate. Im Jahr 2015 erklärte außerdem der Präsident von Gambia das Land zur „islamischen Republik“.

Neue Medien

Wäre diese Situation nicht schon kompliziert genug, kommen in den letzten Jahrzehnten noch die Neuen Medien hinzu. Bereits während der iranischen Revolution 1979 spielten Audiokassetten als „elektronische Kanzeln“ eine große Bedeutung. Ajatollah Chomeini zeichnete seine Predigten schon während des Hausarrestes 1964 mittels Audiokassetten auf, damit sie im Land herumgereicht werden konnten.

In den 1970ern entstanden auch Fernsehprediger in der arabischen Welt, die mit dem neuen Medium ein großes Publikum erreichten und die Islamisierung des öffentlichen Raumes vorantrieben. Prototyp dafür ist der 1926 geborene Yûsuf al-Qaradâwî, der von Qatar aus wirkt und sich ein geistliches Medienimperium aufgebaut hat. Er erreicht weltweit ca. sechzig Millionen Zuseher und beantwortet live Fragen zu allen Aspekten des Alltags.

Er wurde 1997 nicht nur Mitbegründer und Vorsitzender des Europäischen Rates für Fatwâ und Forschung (ECFR), sondern auch durch das Internet weiter gestärkt. Seine Website islamonline.net ist weltweit erfolgreich und zielt bewusst auch auf Muslime in Europa und Amerika ab. Ein anderes Beispiel für derartige „globale  Muftis“ ist auch Fethulla Gülen, der seit 1999 in den USA lebt. Er baute sich eine globale Gemeinde mit 10 Millionen Anhängern auf.

Für Europa ist auch Tariq Ramadan  zu nennen, der über eine bedeutende Anhängerschaft insbesondere unter jugendlichen Muslimen in Frankreich verfügt. Der Schweizer Staatsbürger ist ein Enkel des Gründers der Muslimbruderschaft, gehört ihr aber selbst nicht an. Er gilt nicht nur als Vordenker des „Euroislam“, sondern auch als Vordenker des Islamismus.

Der Islam braucht keine zentrale Autorität

Wenn wir heute also vom Islam sprechen, dann müssen zwei Punkte beachtet werden: Es gibt keinen islamischen Staat in Form des Kalifats mehr und es gab niemals eine Art islamischer Kirche. Es ist schlicht unzutreffend, wenn in Europa beim Sprechen über den Islam die Vorstellung einer zentralen islamischen Autorität (vergleichbar der katholischen Kirche) mitschwingt.

Stattdessen herrscht im Islam eine Spannung zwischen der Autorität traditioneller Ulema, islamischer Nationalstaaten, internationaler islamischer Organisationen und globaler Medienstars. Warum sich der Islam dennoch behaupten kann liegt darin begründet, dass er über eine sehr präzise ausformulierte, fast 1500jährige religiöse Tradition verfügt. Eine oberste Autorität wird schlicht nicht benötigt, denn die Autorität Mohammeds mitsamt der Verbindlichkeit von Koran und Sunna sind unumstritten.

Sollten Fragen in Koran und Sunna nicht geregelt sein, werden sie durch Fatwas (Gutachten) von „Muftis“ geklärt, die ein religiöses Studium absolviert haben müssen. Obgleich sich Fatwas streng an Sunna und Koran orientieren, sind sie grundsätzlich unverbindlich – ob sich ein Muslim daran hält, hängt vom Ansehen und der Autorität dessen ab, der sie gibt.