In den ersten zwei Teilen dieser Serie stellte ich die Entstehung der drei islamischen Grundströmungen vor: einerseits die Schiiten und Ibaditen, andererseits die Sunniten mit ihrer Vielfalt an Rechtsschulen, Gelehrten und internationalen Organisationen. Trotz dieser Vielfalt haben alle Muslime dieselben Grundlagen und nur weil diese sehr präzise ausformuliert sind, konnte er sich auch ohne eine kirchenähnliche Struktur über fast 1500 Jahre behaupten. Um diese Grundlagen des Islams, die im Wesentlichen eine Weiterführung altarabischer Traditionen sind, geht es in diesem Artikel.  

Allen Muslimen gemeinsam ist, dass sie an einen Gott und an dessen Offenbarung durch den Propheten Mohammed glauben. Das Wort Muslim leitet sich genauso wie das Wort Islam vom arabischen Verb „aslama“ – „sich ergeben“/“sich unterwerfen“ ab. Bereits im Koran wird dabei eine wichtige Unterscheidung eingeführt: nämlich der Unterschied zwischen der Annahme des Islams und der Annahme des Glaubens. Der Islam wird wegen dieser Unterscheidung häufig als eine „Orthopraxie“ beschrieben, weil bei ihm das äußerliche „richtige Handeln“ im Mittelpunkt steht – im Gegensatz etwa zum Christentum, das einen Schwerpunkt auf den innerlichen „richtigen Glauben“ legt. Deshalb gilt als Muslim nicht, wer den rechten Glauben teilt, sondern wer sich wie ein Muslim verhält.

Mohammed – Prophet des strengen Monotheismus

Dieses richtige Handeln wurde vom Propheten Mohammed verkündet. Dieser sah sich in der Tradition der Propheten aus dem Alten Testament, die er zwar nicht aus dem Text selbst, aber aus Gesprächen mit Juden kannte. Die alten Propheten hätten dieselbe Botschaft verkündet, weshalb ihre Anhänger – insbesondere die Juden und Christen – auch als Gläubige anzusehen seien. Allerdings seien diese von der geoffenbarten Wahrheit abgerückt und hätten insbesondere ihre Propheten vergöttlicht – etwa die Christen, die den Propheten Jesus als Sohn Gottes verehren.

Gegen den christlichen und jüdischen, aber insbesondere den altarabischen Polytheismus richtete sich Mohammed mit einem strengen Monotheismus. Ihm sei der Engel Gabriel erschienen, der ihm in einem Zeitraum von über zwanzig Jahren – von 610 bis zu seinem Tod im Jahr 632 – die direkten Worte Gottes mündlich übermittelt habe. Mohammed predigte infolgedessen zu seinen arabischen Zeitgenossen, um die Botschaft aller bisherigen Propheten abzuschließen – er gilt damit als das „Siegel der Propheten“. Mohammed richtete sich wohl ausschließlich an Araber und es ist umstritten, ob er überhaupt ein universales Sendungsbewusstsein ausbildete. Gruppen wie die Ahmadiyya und der Bahaitum werden nicht als islamisch anerkannt, weil sie die prophetische Sendung auch nach Mohammed ergänzten und erweiterten.

Koran – Gott sprach Arabisch

Die Prophezeiung Mohammeds ist im Koran überliefert, der auch heute in der Wissenschaft als authentisch anerkannt wird. Mohammed empfing ihn in arabischer Sprache, die als besondere Sprache Gottes gilt. Die besonders kunstvolle Sprache des Korans gilt bei Muslimen als Beglaubigungswunder – die Einmaligkeit und Unnachahmlichkeit des Korans sei ein untrügliches Zeichen seiner überirdischen Herkunft. Die Unnachahmlichkeit bedeutet übrigens auch, dass der Koran ausschließlich in arabischer Sprache gültig ist. Insbesondere jede Übersetzung gilt nur als Erläuterung und Hilfsmittel. Eine Übersetzung des Korans ist unmöglich!

Zusammengetragen wurden die mündlichen und schriftlichen Bruchstücke des Korans bereits unter dem dritten Kalifen Uthman, was zu einer weitgehend einheitlichen Überlieferung des Textes geführt hat. Er ließ den für verbindlich erklärten Text nämlich in die islamischen Zentren seiner Zeit schicken: Medina, Mekka, Damaskus, Irak, Basra und Kufa. Muslime aller Bekenntnisse und Sekten beziehen sich deshalb auf einen im Wesentlichen identischen Korantext. Heute folgen fast alle Drucke des Korans der Standardversion, die 1923 von den Gelehrten der Azhar-Universität veröffentlicht wurde und die auf die Textüberlieferung von Kufa zurückgeht. Abgesehen davon ist nur im Maghreb die geringfügig abweichende Lesetradition von Medina gebräuchlich.

Der Koran ist in 114 Abschnitten – „Suren“ genannt – überliefert. Die längste hat ca. 22 Seiten, die kürzeste hat nur eine Textzeile. Mit Ausnahme von „der Eröffnenden“, die auch als Gebetsformel dient und der Heilkräfte nachgesagt werden, sind alle Suren nach ihrer Länge geordnet. Unumstrittenes Hauptthema ist „Allah“, was arabisch für Gott steht. Der allmächtige Gott habe die Welt zum Nutzen seiner Geschöpfe erschaffen, ihnen den rechten Weg in Form eines Gesetzes prophezeit, nach denen sie leben sollen und das im Islam seine Vollendung findet. Irgendwann wird Gott das Ende der Welt bringen und alle Geschöpfe nach ihren Taten richten.

Das Vorbild des Propheten

Neben dem Koran gelten auch die Aussprachen und Handlungen von Mohammed (=„sunna“) als vorbildhaft und verpflichtend, weil es sich bei dem Propheten um den „perfekten Menschen“ handle. Nach Mohammeds Leben sollten sich Muslime idealerweise ausrichten, weshalb ein Angriff auf Mohammed gleichzeitig immer ein Angriff auf das Leben aller Gläubigen ist. Nur dadurch wird die Empörung von Muslimen auf der ganzen Welt verständlich, wenn Mohammed das Objekt bspw. von Karikaturen wird. „Sunna“ hat es bereits in vorislamischer Zeit gegeben – es waren die institutionalisierten Denk- und Handlungsweisen der arabischen Stämme. Jeder Stamm hatte seine eigene Sunna – ein Denken, das nun auf die Gemeinschaft der Muslime übertragen wurde.

Wichtig ist, dass nur der Koran mit ziemlicher Sicherheit in der Zeit Mohammeds datiert werden kann, während die erste Biographie von Mohammed erst 150 Jahre später verfasst wurde und viele der Überlieferungen zu Mohammeds Leben (die sogenannten „Hadithen“) umstritten sind. Hier trennen sich auch die zwei Hauptströmungen Schiiten und Sunniten, weil die Schiiten den Großteil von Mohammeds Gefährten als unglaubwürdig ablehnen und deshalb auf deren Überlieferungen verzichten. Die schiitische Sunna wird dafür mit den Aussprüchen und Handlungen der zwölf Imame ergänzt.

Anzumerken ist in diesem Zusammenhang die Gemeindeordnung von Medina, die von Mohammed selbst ausgearbeitet wurde, um Frieden in der Stadt herzustellen. Im Wesentlichen ist es ein Abkommen mit Sicherheitsabsprachen, das so detailliert und umfangreich ist, dass wohl eine lange arabische Tradition als Vorbild diente. Sie steht beispielhaft dafür, dass im Islam eine altarabische Tradition fortwirkt und ist ein Zeugnis für den altarabischen Kern der muslimischen Gemeinschaftsbildung und Heilsbotschaft.

Die fünf Säulen des Islams

Was das bedeutet, zeigt sich an den fünf islamischen Grundpflichten, die als „Säulen“ bezeichnet werden und sehr stark an bestehende arabische Traditionen anknüpften.

1. Glaubensbekenntnis

Das islamische Glaubensbekenntnis heißt „Schahada“ und lautet: „Ich bezeuge: Es gibt keinen Gott außer Allah und ich bezeuge, dass Muhammad der Gesandte Allahs ist.“ Es richtet sich in erster Linie gegen den altarabischen Polytheismus, aber auch gegen den „Polytheismus“ des Christen- und Judentums. Der Polytheismus ist nach islamischer Vorstellung die schlimmste Form von Unglaube – der sogenannte „Beigeseller“ ist der Ungläubige schlechthin, während der „Für-Einen-Erklärer“ der wahre Gläubige sei.

„Allah“ ist kein Eigenname wie „Zeus“, sondern steht im Arabischen schlicht für „der Gott“. Allah war der arabische Hochgott mit eigener Kultstätte – der Kaaba – in Mekka. Neben ihm bevölkerten in vorislamischer Zeit weitere männliche und weibliche Götter den Götterhimmel. Die islamische Tradition kennt 99 Namen für Gott, der hundertste sei jedoch den Menschen unbekannt. Mit der Schahada bekennt sich der Muslim zum absoluten Monotheismus, das auch mit dem christlichen Trinitätsdogma unvereinbar ist. Das Aussprechen der Formel in ehrlicher Absicht genügt, um zum Islam überzutreten.

Den strengsten Monotheismus leben wohl die Hanbaliten, die in Form der Wahhabiten in Saudi-Arabien vorherrschen. Sie sehen selbst Schiiten als Ungläubige, weil diese ihre Imame verehren und wenden sich gegen jede Form des Volksglaubens und der Mystik. Ein Abfall vom Islam ist nicht zulässig. Wer nach einer Ermahnung nicht zum Islam zurückkehrt, gilt als dem Tod verfallen. Die Todesstrafe für den Abfall vom Islam ist eine wesentliche Forderung aller islamistischen Gruppen, aber nur in wenigen Ländern (z.B. Iran, Sudan und Pakistan) gesetzlich verankert worden (siehe unten).

2. Gebet

Das „Salat“ genannte Gebet ist die zentrale gottesdienstliche Handlung im Islam und bezeichnet einen Gebetsritus, der bereits in vorislamischer Zeit in Mekka bekannt war. Es besteht nicht nur aus einem gesprochenen oder gedachten Text, sondern auch aus einer Abfolge von Körperhandlungen: Aufrechtstehen, Rumpfbeugung, Knien mit zweimaligem Berühren des Bodens mit der Stirn. Der Gläubige hat zuvor eine rituelle Waschung durchzuführen und sich in Richtung Mekka zu wenden.

Zum gemeinsamen Gebet können sich die Gläubigen zum „Ort der Niederwerfung“, der Moschee, zusammenfinden. Die Moschee ist kein besonders geweihter Ort, weshalb sie zwischen den Gebetszeiten auch für Ruhepausen, Mittagsschlag, als Treffpunkt und Unterrichtshalle verwendet werden kann. Einzige Regel: der Boden muss kultisch rein bleiben. In der Moschee zeigt eine Nische die Richtung nach Mekka an.

3. Fasten

Weithin bekannt ist, dass Muslime im neunten Monat des islamischen Mondkalenders vom Erscheinen des ersten Sonnenlichts bis zum Sonnenuntergang fasten. Weil das Mondjahr um elf Tage kürzer ist als das Sonnenjahr, wandert der sogenannte „Ramadan“ durch das Sonnenjahr. Der Ramadan war schon in vorislamischer Zeit als heiliger Monat bekannt und eine Zeit des Waffenstillstands, auch wenn das eigentliche Fasten im Sinne von Enthaltsamkeit von Essen und Trinken der jüdisch-christlichen Tradition entstammt.

Gläubige dürfen in dieser Zeit tagsüber keine Lebens- und Genussmittel zu sich nehmen und keine sexuellen Handlungen vollziehen. Ausgenommen sind Kranke, Schwangere, Alte und Reisende, die Ersatzhandlungen vornehmen sollen. Das Ramadan-Fasten hat eine starke gemeinschaftsfördernde Funktion. Das gemeinsame nächtliche Essen und das Fastenbrechen am Ende der Fastenzeit sind wichtig für Familie und Gesellschaft, weshalb es selbst von Muslimen ernstgenommen wird, die sonst nicht sehr streng mit islamischen Geboten umgehen.

4. Armensteuer

Alle Muslime betrachten sich als Brüder und Schwestern. Diese Gemeinschaft der Muslime, die sogenannte „Umma“, wurde schon seit Beginn des Islams als eine Solidargemeinschaft verstanden, in der Jeder für den anderen einstehen musste. Sie bewahrte damit die altarabische Solidarität des Stammes und Clans und ersetzte einzig die Abstammung durch Religion. Diese Solidarität findet ihren wichtigsten Ausdruck in der Armensteuer.

Es gibt ein kompliziertes System zur Berechnung der Steuer, wobei 2,5 Prozent des Einkommens als Richtwert gelten. Allerdings heben die modernen Staaten den sogenannten „zakat“ nicht ein, weshalb der Gläubige eine freiwillige Spende an eine religiöse Institution oder an bedürftige Personen leisten muss, wenn er seiner religiösen Pflicht nachkommen möchte.

5. Pilgerfahrt

By Al Jazeera English (Al-Haram mosque) [CC BY 2.0 ], via Wikimedia Commons
Auch der vorislamische Kult der Kaaba mitsamt seinen Ritualen wurde von Mohammed erfolgreich in den Islam integriert. Der stete Fluss an Pilgern war von enormer Bedeutung für die Infrastruktur von Mekka und es war deshalb ein wichtiges Symbol herrschaftlicher Legitimität, die Pilgerkarawanen zu sichern. Von den Kalifen von Damaskus und Bagdad über die Fatimiden und Osmanen ging diese Funktion 1925 an die Saudis über, die seitdem den Ehrentitel eines „Dieners der beiden heiligen Stätten“ führen. Heute treten jährlich mehr als zwei Millionen Gläubige die Pilgerreise an, die für jeden Muslim einmal im Leben Pflicht ist.

Die Pilgerfahrt – die sogenannte „hadsch“ – ist für viele Muslime der Höhepunkt ihres religiösen Lebens. Gemeinsam mit Millionen anderer Gläubiger manifestiert sich hier die Weltgemeinschaft der Muslime. Ziel der Pilgerfahrt ist die „heilige Moschee“, dessen Mittelpunkt die Kaaba ist. Die Kaaba wurde nach der Überlieferung von Abraham mit seinem Sohn Ismael erbaut, welche auch die Riten stifteten. Die Kaaba ist ein ca. fünfzehn Meter hoher Bau mit einem einzigen leeren Raum, der aus dunklem vulkanischen Stein besteht. In der östlichen Mauer ist ein schwarzer Stein – vermutlich ein Meterorit – eingemauert.

Schon in vorislamischer Zeit war die Kaaba ein heidnischer Tempel, den die Pilger sieben Mal umkreisen mussten. Mohammed entferne zwar die heidnischen Symbole, tastete die alten Riten aber nicht an. Die Wahlfahrt findet jährlich vom 7. bis zum 13. des zwölften islamischen Monats statt. Die eigentliche Wahlfahrt findet einige Kilometer außerhalb von Mekka statt, wo weitere vorislamische Riten bis heute ausgeübt werden. Der Höhepunkt ist das Opferfest, das von allen Muslimen weltweit zur gleichen Zeit mitgefeiert wird und damit als wichtigster islamische Feiertag gilt.

Die Scharia als Ausdruck einer Gesetzesreligion

Nun geht die islamische Lehre natürlich weit über diese fünf individuellen Grundpflichten hinaus. Im Gegensatz zum Christentum entstand der Islam nämlich nicht mit einem Fokus auf die innere Beziehung zwischen dem Einzelnen und Gott, sondern entstand als „Staat“. „Der Islam ist eine Gesetzesreligion. Gott hat seinem letzten und größten Propheten Muhammad seinen Willen offenbart, der in der heiligen Schrift, dem Koran, teilweise in Gesetzesform niedergelegt ist. Diese ewigen, heiligen, göttlichen Gesetze müssen in der Welt, in einem Gemeinwesen zur Anwendung kommen, damit Islam als Religion sein kann. Islam ist daher nie allein die private Angelegenheit des Individuums gegenüber seinem Gott, sondern immer auch Sache der Öffentlichkeit, der Gesellschaft und des Staates“, fasst Bernd Radtke in Der Islam in der Gegenwart zusammen.

Gott hat also nicht nur die individuellen Glaubenspflichten offenbart, sondern auch Gesetze für alle Facetten des gesellschaftlichen Lebens. Zu betonen ist jedoch, dass es keine Regierungsform gibt, die von Allah festgelegt wurde und deshalb als islamisch zu qualifizieren wäre. Selbst die fundamentalistischsten Strömungen im Islam wie die Wahhabiten in Saudi-Arabien sind politisch quietistisch, solange die der Staat islamisch ist. Die erste Gesellschaftsordnung wurde von Mohammed selbst geschaffen: Die Gemeindeordnung von Medina. Diese wird von gläubigen Muslimen als Zeichen für die Fortschrittlichkeit des Islams verstanden. Mit dem Islam wäre nicht nur die Staatlichkeit in Arabien eingeführt worden, sondern auch die erste „Verfassung“ der Welt geschaffen worden. Mohammed selbst gilt als erster Rechtssprecher im islamischen Sinne.

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Die Scharia

Die Gesamtheit des geoffenbarten Willensäußerungen Gottes bezeichnen Muslime als „Scharia“. Sie umfasst die Gesamtheit aller religiösen und rechtlichen Normen, Mechanismen zur Normfindung sowie die Interpretationsvorschriften. Der Koran enthält zwar eine Reihe von Geboten und Verboten, aber keine vollständige Rechtsordnung. Umfassender sind die Verbote und Gebote, die sich aus der Sunna ergeben. Doch selbst Koran und Sunna zusammen ergeben noch keine vollständige Rechtsordnung, weshalb die vier Rechtsschulen mit Analogieschluss und anderen Instrumenten versucht haben, die offenen Fragen zu klären.

Die Scharia ist also kein Gesetzesbuch und keine Paragraphensammlung, sie ist nicht kodifiziert und nicht kodifizierbar, weil es auch die Methoden zur Rechtsfindung sowie das stets neu „gefundene“ Recht umfasst. Theoretisch sollte jeder Muslim sein ganzes Leben nach der Scharia ausrichten. Aber natürlich wurde die Scharia zu keiner Zeit absolut angewandt. Der Grund liegt in der Schwäche der Scharia bei der Bewältigung der Rechtswirklichkeit, die in der Schließung des Tores des Idschtihad begründet liegt. Außerdem konkurriert die Scharia mit anderen Rechtsquellen – selbst in Saudi-Arabien konkurriert die Scharia etwa mit dem Gewohnheitsrecht der Stämme. In der europäischen Diaspora akzeptieren islamische Verbände zwar (getreu der Scharia, die das auch vorsieht), dass die Scharia dem Recht des jeweiligen Landes angepasst wird, solange Muslime in der Minderheit sind. Widersprochen wird den Gesetzen der Scharia aber nicht.

Inhalt der Scharia

Die Scharia umfasst mehr als das, was im europäischen Sinne unter Recht verstanden wird. Wörtlich bedeutet Scharia die „nie versiegende Wasserstelle im ausgedörrten Land“ beziehungsweise den Weg zu dieser Wasserstelle. Menschliche Handlungen werden in fünf Kategorien eingeteilt: Verpflichtend, Empfehlenswert, Indifferent, Ablehnenswert und Verboten. Nur die Kategorien Verboten und Verbindlich können auch als Recht bezeichnet werden, weil für diese Vergehen auch Strafen vorgesehen sind. Deutlich wird damit auch, dass die Scharia nicht nur Erbrecht, Ehe- und Familienrecht, Straf- und Prozessrecht umfasst, sondern bspw. auch Fragen der Moral, des Alltags und des Wirtschaftens. Bekannt sind etwa die Speisevorschriften und auch die fünf Säulen des Islams sind Teil der Scharia.

Beispiel für eine privatrechtliche Regelung ist die das Erbgesetz, wonach Frauen nur die Hälfte von dem erben dürfen, was ein Mann erhält. Das mag für uns heute nicht mehr nachvollziehbar sein, aber zur Zeit der Entstehung des Korans war dies eine sehr fortschrittliche Regelung. Denn bis zu dieser Scharia-Regel waren Frauen selbst ein Teil des Erbes, aus dem sie von Mohammed nicht nur herausgenommen wurden, sondern selbst auch einen Teil davon erbten. Ähnlich verhält es sich mit der Regelung zur „Blutrache“ bei Tötungen und Verletzungen, die der Koran zwar nicht abschaffte, aber die ausufernden Konflikte zwischen den Stämmen stark einschränkte, indem er sie einem ordentlichen Gerichtsverfahren unterzog und sie Großteils auf Ausgleichszahlungen reduzierte.

Körperstrafen

Vieles, was im Westen mit dem Islam in Zusammenhang gebracht wird, ist überhaupt nicht Teil der Scharia. Ein Beispiel dafür sind die Genitalverstümmelung bei jungen Mädchen. Dabei handelt es sich nicht um ein islamisches Gesetz, sondern um afrikanische Stammestraditionen, die auch von Christen praktiziert werden. Viele islamische Staaten kämpfen inzwischen dagegen an. Daneben gehören aber bestimmte Regelungen tatsächlich zur Scharia, die in Europa für Debatten sorgen – insbesondere die in der Scharia oder sogar im Koran festgelegten Körperstrafen wegen Vergehen gegen die „Rechte Gottes“. Beispiele hierfür sind das Abhacken der rechten Hand bei Diebstahl, die Steinigung bei Ehebruch, Peitschenhiebe für das Trinken berauschender Getränke oder die Kreuzigung beim Abfall vom Islam. An die harten Strafen sind – und das muss betont werden – strenge Bedingungen geknüpft, bspw. muss die Handlung genau dem Entsprechen, was verboten ist. Gibt es Zweifel oder weicht die Handlung auch nur geringfügig ab, wird in der Regel die Auspeitschung als „Ermessensstrafe“ angewandt.

Während diese harten Strafen über Jahrhunderte kaum angewandt wurden, nimmt die Bedeutung der Scharia seit den 1970er-Jahren in allen islamischen Ländern kontinuierlich zu. Beispielsweise schrieb der Fatwa-Ausschuss der Al-Azhar-Universität 1978 über Menschen, die vom Islam abfallen: „Da er vom Islam abgefallen ist, wird er zur Reue aufgefordert. Zeigt er keine Reue, wird er islamrechtlich getötet. […] Was seine Kinder betrifft, so sind sie minderjährige Muslime. Nach ihrer Volljährigkeit, wenn sie im Islam verbleiben, sind sie Muslime. Verlassen sie den Islam, werden sie zur Reue aufgefordert. Zeigen sie keine Reue, werden sie getötet.“ Auch in der Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam von 1990, die als Leitlinie von 57 Mitgliedstaaten der Islamischen Konferenz gelten soll, wird die Scharia zur Grundlage der Menschenrechte erklärt.

Dass dies nicht nur spröde Theorie ist, zeigt der §83 des iranischen Strafgesetzbuches, der die Steinigung bei Ehebruch vorsieht und hierzu auch die Vorgehensweise detailliert regelt: Dabei werden die Opfer der Hinrichtung bis zu den Knien im Erdboden eingegraben und komplett mit einem undurchsichtigen Tuch verhüllt. Die Steine dürfen nicht größer als die werfende Hand sein, um den Tod der Verurteilten hinauszuzögern. Der Richter sorgt für den Mindestabstand zum Verurteilten. Bei einem Geständnis des Verurteilten darf der Richter den ersten Stein werfen. Wenn der Beschuldigte durch Zeugenaussagen verurteilt wurde, werfen die Zeugen den ersten Stein. Seit 2002 sollen mindestens sieben Steinigungen alleine im Iran vollzogen worden sein. Auch in Frankreich wurde 2004 eine Tunesierin von mindestens zwei tunesischen Jugendlichen durch Steinigung ermordet.

Islam und Islamismus

Auch wenn die Regeln der Scharia recht deutlich sind, gibt es einen Unterschied zwischen Muslimen und Islamisten. Denn im Laufe der islamischen  Tradition wurde der Islam an die gesellschaftliche Realität angepasst und „entschärft“. Klassische Islamgelehrte waren etwa stolz darauf, mehrere Auslegungen zu vielen Koranversen zu kennen, ohne sich auf einen Festzulegen. Islamische Juristen waren bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts laut Thomas Bauer ebenso der Überzeugung, dass Gottes Gesetze nicht eindeutig erkennbar seien. Deshalb habe man sich im Strafrecht auch bemüht, „drastische Leibstrafen zu vermeiden. In über 1000 Jahren vor dem späten 20. Jahrhundert gab es so gut wie keine Steinigung von Ehebrechern und schon gar keine Hinrichtungen wegen einvernehmlicher gleichgeschlechtlicher Handlungen.“ (BAUER Thomas: Die Vereindeutigung der Welt. Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt. S. 37)

Das änderte sich mit dem Entstehen des modernen Islamismus in den 1920ern, der den Islam von der Tradition der Rechtsschulen befreien und „zurück“ zum Islam der „frommen Altvorderen“ (den „Salaf“ – daraus leitet sich der Name Salafisten ab) möchte, als es nur eine einzige Auslegung des Islams gab. Wie der Ismus es schon anzeigt, Verabsolutieren sie den Islam und wollen die Gesellschaft nach den reinen Werten und Gesetzen ihrer idealisierten islamischen Urgesellschaft umgestalten. Über den Islamismus, seine Entstehung und Rolle soll es in einem weiteren Artikel gehen…