Gegen Ende des 19. Jahrhunderts suchten Muslime Antworten auf die Frage, wie sie dem Niedergang der islamischen Welt entgegentreten könnten. Sie forderten eine Reform des Islam, welche die Lücke zwischen westlicher Moderne und mittelalterlicher Religion schließen sollte – sie wollten eine Modernisierung ohne Verwestlichung. Es sollte nicht mehr lange dauern, bis aus diese Gedanken die erste islamistische Massenbewegung entstehen sollte.

Erinnern wir uns zurück: Fast die ganze islamische Welt stand unter der Kontrolle der Kolonialmächten. Die Sultane galten als korrupt und unfähig. Westliche Kultur und moderne Technik erschütterten die traditionelle Ordnung der islamischen Welt. Diese war in der größten Krise ihrer Geschichte. Schließlich eine Erschütterung: Nach über 1000 Jahren schaffte Mustafa Kemal Atatürk das Kalifat, das Symbol für die Einheit der islamischen Welt, 1924 ab. Trotz mehrerer Versuche konnte sich kein neuer Kalif durchsetzen.

Die Muslimbruderschaft

Hasan al-Banna

Die Geschichte des Islamismus im eigentlichen Sinne begann vier Jahre später. In Ägypten wurde ein Volksschullehrer aktiv, um den Islam zu stärken und die Muslime zu einigen. Das Ziel: Die Wiedererrichtung des Kalifats durch eine Rückkehr zum ursprünglichen Islam. Als Instrument dafür sollte eine neue Vereinigung dienen: Die Muslimbruderschaft. Ihre Grundüberzeugung fasste der Volksschullehrer Hasan al-Banna, ein Schüler von Rashid Rida, in fünf Sätzen zusammenfasste. Sie sind bis heute ihr Motto:

„Gott ist unser Ziel.

Der Prophet ist unser Führer. Der Koran ist unsere Verfassung. Der Dschihad ist unser Weg. Der Tod für Gott ist unser nobelster Wunsch.“

Die Muslimbruderschaft fokussierte sich auf wohltätige Aktionen und den Aufbau sozialer Einrichtungen. Vor allem dieses soziale Engagement war der Grund für ihr schnelles Wachstum: Waren es Ende der 1930er-Jahre noch wenige Hundert Muslimbrüder, hatten sie 1941 bereits 60.000 und 1948 schon 500.000 Mitglieder und Sympathisanten in mehreren Ländern. Bis heute gilt sie als die größte und einflussreichste islamistische Organisation der Welt.

Sie anerkannten nur als legitimen Herrscher, wer in Übereinstimmung mit der Scharia regierte. Anfang der 1940er-Jahre – also in der Zeit des Zweiten Weltkrieges – bauten „die Brüder“ sogar einen geheimen militärischen Apparat auf, um antibritische Anschläge durchzuführen. Nachdem dieser Apparat 1948 aufgedeckt wurde, verbot der ägyptische Premierminister die Bruderschaft – und wurde kurz darauf selbst von ihnen ermordet. Der ägyptische Staat schlug mit aller Härte zurück: Die Mitglieder wurden verfolgt und al-Banna am 12. Februar 1949 im Auftrag des Geheimdienstes erschossen. Er hinterließ eine starke Organisation, jedoch ohne geschlossene Ideologie.

Die Muslimbruderschaft unterstützte wiederum 1952 den Putsch der „Freien Offiziere“ unter Gamal Abdel Nasser – einer der Mitgründer, Anwar as-Sadat, war sogar Muslimbruder. Obwohl anfangs Einigkeit gezeigt wurde, kam es auch unter der neuen Regierung schon bald zu Spannungen und einem kurzzeitigen Verbot im Jänner 1954. Die Bruderschaft rächte sich im Oktober mit einem Attentat aus Nasser – das allerdings scheiterte.

Der Vater aller Dschihadisten

Nasser reagierte mit brutaler Repression und lies die Anhänger der Muslimbruderschaft verhaften – darunter der 1951 zur Bruderschaft beigetretene Journalist Sayyid Qutb. Er wurde zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Nur kurz zuvor, im Jahr 1949, war er in den USA gewesen, um ein Studium in Colorado und an der Stanford University zu absolvieren. Die USA beschrieb er als „ein Volk, das im Bereich der Wissenschaft und der Arbeit Spitzenleistungen erbringt, im Gefühls- und Verhaltensbereich jedoch in einem primitiven Stadium verbleibt.“

Sayyid Qutb

Unter der Folter im Gefängnis radikalisierte er sich weiter und schrieb in Verbitterung diejenigen Schriften, die später zur Inspiration aller dschihadistischen Gruppen werden sollten. Vor allem seine Kampfschrift „Zeichen auf dem Weg“. Zentrale These: Die islamische Welt sei in den vorislamischen Zustand der „Unwissenheit und Ignoranz“ zurückgefallen. Es sei deshalb ein Gebot für alle Gläubigen, die Abtrünnigen – wie Gamal Abdel Nasser – zu stürzen. Alle Menschen müssten durch die globale Einführung der Scharia befreit werden. Unschuldige gäbe es in diesem globalen Dschihad nicht – denn wer sich nicht daran beteilige, sei ein Feind Gottes. 

1964 wurde Qutb auf Bitte des irakischen Präsidenten entlassen, woraufhin Nasser eine Einigung mit der Bruderschaft anstrebte. Er bot Qutb den Posten des Bildungsministers an – doch dieser lehnte ab. Die Integration der Bruderschaft scheiterte. Um die Gefahr zu bannen, beschuldigte Nasser Qutb des versuchten Staatsstreiches und ließ ihn in einem Schauprozess zum Tode verurteilen. Doch Nasser wusste, dass Qutb tot gefährlicher war als lebendig. Er gewährt ihm einen Ausweg: Qutbs Schwester sollte ihn davon überzeugen, ein Gnadengesuch zu stellen. Doch Qutb erwiderte ihr nur: „Meine Worte werden stärker sein, wenn sie mich töten“. Nasser konnte nicht anders, als ihn am 29. August 1966 zu hängen und damit zum Märtyrer zu machen. 

Doch die Mehrheit der Muslimbrüder lehnte auch weiterhin Gewalt als politisches Mittel ab und genoss vor allem an Universitäten und unter verarmten Landflüchtigen in den Städten große Beliebtheit. Sie blieben der Linie treu, wonach der Weg zum islamischen Staat durch schrittweise Veränderungen und in erster Linie durch Erziehung der Jugend, Öffentlichkeitsarbeit und sozialer Arbeit erreicht werden musste.

Für das Jahr 1971 wird die Anzahl an Mitgliedern auf eine Million und mehrere Millionen Sympathisanten geschätzt. Angesichts der gemäßigten Position in Bezug auf die Strategie spalteten sich Ende der 1970er gewaltbereite Gruppen ab und die Muslimbruderschaft verfestigte die politische Strategie, die sie bis heute verfolgt: Sie bekennt sich zur Demokratie und lehnt Gewalt als politisches Mittel ab. Mit der Ausnahme eines Kampfes gegen „Besatzer“ – womit das US-Militär und der Staat Israel gemeint sind.

Einfluss der Bruderschaft

2011 gründeten die ägyptischen Muslimbrüder die Freiheits- und Gerechtigkeitspartei, mit der sie knapp die Hälfte der Parlamentsmandate gewannen. 2013 stellen sie schließlich mit ihrem Kandidaten Mohammed Mursi den ersten frei gewählten Präsidenten Ägyptens. Allerdings wenig erfolgreich: Nach Protesten wurde Mursi im Juli 2013 vom Militär abgesetzt und die Muslimbrüder im September verboten.

Im Dezember 2013 wurde sie in Ägypten zur Terrororganisation erklärt. 1212 Anhänger von Mursi wurden in einem Massenprozess zum Tod durch Erhängen verurteilt. So auch der Vorsitzende der Muslimbruderschaft, Muhammad Badi’e, dessen Strafe in eine lebenslange Haft abgeändert wurde. Im gleichen Jahr wurde die Muslimbruderschaft auch in Saudi-Arabien als Terrororganisation eingestuft.

Heute sollen sich unter den 18 wichtigsten Unternehmerfamilien Ägyptens acht Muslimbrüder befinden. Die Bruderschaft unterhält weiterhin Krankenhäuser und andere soziale Einrichtungen und soll eine Million Anhänger haben. In über 70 Ländern gibt es Ableger, wobei die Hamas in Algerien und im Gazastreifen am bekanntesten sind.

Auch die einflussreiche Partei Ennahda in Tunesien hat ihre Wurzeln in der Muslimbruderschaft, gleich wie die im Sudan regierende Nationale Kongresspartei. In Jordanien ist ihre Islamische Aktionsfront die wichtigste Oppositionspartei. Ebenfalls beeinflusste sie die Millî Görüş – wobei auch deren Nachfolger Erdogan und die AKP Anhänger der Muslimbruderschaft sind.

Erdoğan mit dem R4bia-Zeichen der Muslimbruderschaft

Offiziell sind alle Ableger der Bruderschaft völlig autonom und nur durch die Ziele geeint, was allerdings regelmäßig in Zweifel gezogen wird. 2005 sagte das Oberhaupt der ägyptischen Muslimbruderschaft in einem Interview, sie sei

„eine globale Bewegung, deren Mitglieder über die ganze Welt miteinander kooperieren, basierend auf derselben religiösen Weltanschauung: die Verbreitung des Islam, bis er die Welt beherrscht.“

In Europa unterhalten Organisationen, die der Muslimbruderschaft nahestehen, einen eigenen Dachverband, die Föderation Islamischer Organisationen in Europa. Insbesondere nach der letzten Repressionswelle in Ägypten verlagerte sie einen Teil ihrer Aktivitäten nach Europa. Bekenntnisse zur Organisation der Muslimbruderschaft sind allerdings selten, weil verstärkt auf geheime Strukturen gesetzt werde. Gewalt spielt dabei keine Rolle, wie ein Vordenker betont:

„Ich erwarte, dass der Islam Europa erobern wird, ohne zum Schwert oder zum Kampf greifen zu müssen – mittels Dawa [Überzeugungsarbeit] und durch die Ideologie. Die Muslime müssen zu handeln beginnen, um diese Welt zu erobern.“

Yusuf al-Qaradawi

In Deutschland betreibt sie eine Vielzahl „Islamischer Zentren“ und soll 1800 Mitglieder haben. Die wichtigste davon ist die Deutsche Muslimische Gemeinschaft und die Jugendorganisation Muslimische Jugend in Deutschland.

2017 wurde der Einfluss der Muslimbruderschaft in Österreich erstmals von einem Experten der George Washington Universität in Zusammenarbeit mit der Universität Wien, dem Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung sowie dem Österreichischen Integrationsfond bewertet. Die Studie kam zu Schluss, dass die Muslimbruderschaft über beträchtliche Verbindungen und Einfluss verfüge und nahestehende Personen und Organisationen Schlüsselpositionen im Leben von muslimischen Zuwanderern hätten. So stehe selbst die Islamische Religionspädagogische Akademie in Wien, welche die islamischen Religionslehrer ausbildet, aufgrund verschiedener Verbindungen zur Muslimbruderschaft „zweifellos unter deren Einfluss“.

Ziele der Muslimbruderschaft

Oberstes Ziel der Muslimbruderschaft in Europa ist, dass die Muslime eine primär islamische Identität aufbauen und erhalten und sich keinesfalls assimilieren. Yussuf al Qaradawi, der einflussreichste Fernsehprediger der Muslimbruderschaft, betont:

„It is the duty of the Islamic Movement, not to leave these expatriates to be swept by the whirlpool of the materialistic trend that prevails in the West.”

Im Gegensatz zu den Salafisten – um die es im nächsten Beitrag geht – will die Muslimbruderschaft keine Isolierung der Muslime von der Aufnahmegesellschaft. Im Gegenteil ruft sie die Muslime dazu auf, sich aktiv am politischen System der Aufnahmegesellschaft zu beteiligen, um die westlichen Gesellschaften im islamischen Sinne zu verändern.

Eine zentrale Vorgehensweise ist dabei bekannt: Kritik an der Islamisierung wird von den Akteuren der Muslimbruderschaft generell als „Islamophobie“ gebrandmarkt. Es werde außerdem versucht, ein Narrativ von Muslimen als Opfer aufzubauen, gegen das sich diese wehren müssten. Interessant sind diesbezüglich nicht nur die Verbindungen und Tätigkeiten der Muslimischen Jugend Österreich, sondern auch von Farid Hafez, der an der Universität Salzburg lehrt und europaweit als „Experte für Islamophobie“ agiert.

Foto: David Holt / London August 16 2014 001 Muslim Brotherhood Demonstration (28) | FLICKR