Von den Muslimbrüdern, die im letzten Artikel vorgestellt wurden, unterscheidet sich eine islamistische Gruppe, die sich hierzulande seit fünfzehn Jahren verbreitet: Die Salafisten. Obwohl beide Bewegungen ihre Ursprünge in der islamischen Reformbewegung haben, unterscheiden sich die Gruppen in wesentlichen Punkten voneinander.

Dies schlägt sich bereits im Kleidungsstil nieder: Während die Muslimbrüder oft westlich gekleidet sind und etwa Anzug tragen, fallen die Salafisten mit ihren langen weißen Gewändern und Bärten auf, welche schon die „frommen Altvorderen“ (Al-salaf al-salih – daher der Name Salafisten) getragen haben sollen.

Prinzip Nachahmung

Zwar fordern alle islamistischen Gruppen eine Rückbesinnung auf den „ursprünglichen Islam“, doch Salafisten gehen noch einen Schritt weiter und wollen das Leben der ersten Muslime nachahmen. Sie lehnen alle religiösen Neuerungen ab, die nach den ersten drei Generationen von Muslimen eingeführt wurden. Außerdem auch alle nicht-religiösen Erfindungen oder Produkte, wenn diese im Widerspruch zur Scharia stehen. Das geht soweit, dass sie selbst Zahnbürsten ablehnen und stattdessen auf einem Zahnputzholz beharren. Die Argumente für ihre Vision sind dabei durchaus modern: Beispielsweise werden für das Zahnputzholz wissenschaftliche Argumente bedient und für die Verschleierung der Frau das Argument der Selbstverwirklichung.

Folglich werden auch alle menschengemachten Gesetze und politischen Institutionen als „unislamisch“ abgelehnt. Das Ziel der Salafisten ist eine globale Staats- und Gesellschaftsordnung nach dem Vorbild der islamischen Urgemeinde des 7. Jahrhunderts. Der Weg dorthin solle nicht „von oben“ über den Staat führen, sondern „von unten“ durch Mission und Predigt in der Gesellschaft. Denn ein islamischer Staat sei keine Garantie dafür, dass die Menschen auch islamisch leben. Die Salafisten nehmen deshalb eine grundsätzlich quietistische Haltung gegenüber dem Staat ein und agieren auch nicht nationalstaatlich, sondern mit Blick auf die globale Umma.

Zu Ende gedachte Wahhabiten

Sie nähern sich in ihren Reinigungsvorstellungen dem Wahhabismus an, der Staatsreligion Saudi-Arabiens. Er beruht auf einem Pakt, der 1744 zwischen dem saudischen Königshaus und dem Prediger Muhammad ibn ʿAbd al-Wahhābs geschlossen wurde. Al-Wahhāb forderte eine radikale Reinigung des Islam und erklärte seine Lehre zum einzigen wirklichen Monotheismus. Nicht nur, dass er damit anderen Muslime den Status als Monotheisten (und damit Muslimen) aberkannte, wurden die Schiiten mit ihren Imamen sowie der Sufismus mit seinen Heiligen sogar zum Hauptfeind. Auch der Wahhabismus brach damit den Konsens der Rechtsschulen, einschließlich der eigenen hanbalitischen. Während die saudische Königsfamilie dem Prediger Schutz gewährte, versprach er ihnen religiöse Legitimität. Bis heute steht die Legitimität des saudischen Königshauses für wahhabitische Gelehrte – unter denen die Nachkommenschaft al-Wahhāb dominiert – außer Zweifel.

Die Bezeichnung Wahhabiten lehnen die Anhänger allerdings ab und nennen sich stattdessen „Einheitsbekenner“ oder – passenderweise – Salafisten. Passenderweise, weil viele Merkmale zwischen Salafismus und Wahhabismus gleich sind. Und dennoch: Insbesondere die Loyalität zu den Saudis und und die Orientierung am Gelehrtenkonsens der hanbalitischen Rechtsschule sind wichtige Unterschiede zwischen beiden Strömungen (die Salafisten lehnen alle Rechtsschulen strikt ab). Beide Strömungen haben auch nicht die gleiche Wurzel: Der Salafismus entstand vermutlich ohne Einflüsse von Saudi-Arabien. Er verbreitete sich zunächst durch die Bildung von Zirkeln und unpolitischen Vereinigungen in den 1920er und 1930er-Jahren in Ägypten und dem Sudan. Doch die gegenseitige Beeinflussung zwischen Salafismus und Wahhabismus im 20. Jahrhundert ließ die Unterschiede immer mehr in den Hintergrund treten.

Unter dem Schutz Saudi-Arabiens

Wichtig für die Entwicklung des Salafismus waren die 1960er-Jahre, als viele Araber (auch Muslimbrüder) vor der Verfolgung im Nasser-Regime in Ägypten und der Bath-Regime in Syrien und Irak nach Saudi-Arabien flohen. Wegen des hohen Bildungsstandard der Einwanderer und ihrer strengen Religiosität wurden sie schnell in die religiösen Institutionen Saudi-Arabiens integriert und veränderten die wahhabitische Lehre im Sinne des Salafismus. In den 1970er schließlich begann der Aufstieg Saudi-Arabiens. Mitte der 1970er führte das arabische Ölembargo zu einer Vervierfachung des Ölpreises, was die Saudis zu nutzen wussten. Vor allem das Geschäft mit US-Konzernen machte die Saudis sagenhaft reich. Geld, das von nun an die globale Verbreitung der wahhabitisch-salafistischen Lehre fließen konnte.

Die saudische Königsfamilie konnte auf diese Weise den Unmut von islamischen Gelehrten mindern, die über die „Anwesenheit von Ungläubigen im heiligen Land“ empört waren. Ein Schlüsselereignis war die Besetzung der Kaaba 1979 durch Islamisten: Um das OK der Gelehrten für die Rückeroberung der heiligen Stätte zu bekommen, musste die Königsfamilie versprechen, intensiv in die Missionstätigkeit zu investieren. Dafür werden bis heute insbesondere die Universität in Medina, aber auch einige internationale Organisationen genutzt: Allen voran die 1962 in Mekka gegründete Liga der Islamischen Welt, die 1969 gegründete Organisation der islamischen Zusammenarbeit und die 1972 gegründete World Assambly of Muslim Youth.

Loyalität und Abgrenzung

Wobei sich die Lehre, je weiter sie sich von Saudi-Arabien entfernt, desto weniger an die saudische Königsfamilie und die hanbalitische Tradition gebunden ist. Die Tätigkeit salafistischer Organisationen in Europa besteht – im Gegensatz zu den Muslimbrüdern – nicht in der Gründung oder Unterwanderung politischer Parteien, die von Salafisten als unerlaubte Neuerungen gesehen werden. Stattdessen versuchen Salafisten die Menschen mit friedlicher Überzeugungsarbeit (Da’wa) zu erreichen. Bekannt sind insbesondere die inzwischen verbotenen „Lies!“-Koranverteilungen oder die „Scharia-Polizei“. Abgesehen von dieser Da’wa-Arbeit halten sie sich mit der Doktrin „Loyalität und Abgrenzung“ von allen fern, die sie als unrein betrachten – im Extremfall nicht nur vom bisherigen Freundeskreis, sondern sogar von der eigenen Familie. 

Das ist auch der wesentliche Unterschied zwischen den Muslimbrüdern und den Salafisten: Während die Muslimbrüder zur aktiven politischen Teilhabe an den europäischen Aufnahmegesellschaften aufrufen, schließen sich Salafisten von der europäischen Aufnahmegesellschaft ab. Auch weitere Unterscheide sind interessant: Während die Muslimbrüder gute informelle Verbindungen in den Iran haben und eine Aussöhnung der konkurrierenden Strömungen wollen, stehen Salafisten den Schiiten feindlich gegenüber. Und letztlich wollen Muslimbrüder eine langfristige Umgestaltung der Gesellschaft, während bei Salafisten revolutionäre Ideen kursieren. Es war gerade das Scheitern der Muslimbruderschaft in Europa, was dem Salafismus in Europa Aufwind bescherte.

Salafismus und Dschihadismus

Auch eine andere Bewegung sorgte zuletzt für eine Veränderung im salafistischen Milieu Europas: der Dschihadismus und insbesondere der „Islamistische Staat“ ab dem Jahr 2014. Er zwang die Salafisten in Europa Farbe zu bekennen und sich für einen gewaltlosen oder einen gewaltvollen Weg zu entscheiden. Diejenigen, die sich für die friedliche Missionierungtstätigkeit entschieden, mussten dies umso deutlicher klarstellen: Sie bezeichnen die Dschihadisten als vom Glauben Abgefallene.

Hingegen werden Salafisten, die zum Mittel der Gewalt (insbesondere Terrorismus) greifen, um ihre ideologischen Ziele durchzusetzen, als Dschihadisten bezeichnet. Auch wenn nur ein kleiner Prozentsatz von Salafisten auch Dschihadisten sind, haben sich beinahe alle Terrororganisationen im salafistischen Umfeld entwickelt. Man kann sagen: Nicht alle Salafisten sind Dschihadisten, aber alle Dschihadisten sind Salafisten. Und um diese Strömung geht es im nächsten Artikel.

Titelbild: Magharebia [CC BY 2.0], via Wikimedia Commons