„Ich weiß, daß ich Zeit meines Lebens vielen ein Ärgernis gewesen bin“, stellte der einflussreiche Vordenker Ernst Jünger im Jahre 1983 fest.[1] Zeit seines Lebens katapultierte sich der „Anarch“ immer wieder konsequent in eine Außenseiterposition. Eine Rolle, in der ihm andere Denker der Konservativen Revolution durchaus ähnlich sind und ihn für uns Identitäre besonders attraktiv macht.

Ein Leben wider dem Opportunismus

So wurde Ernst Jünger nach dem Ersten Weltkrieg zum Vertreter eines „Soldatischen Nationalismus“, während er gleichzeitig als „Pour le Mérite“-Träger aus der Armee austrat. Er stieg in den 20er-Jahren zu einem der einflussreichsten Publizisten der politischen Rechten auf, obwohl seine Schriften so radikal waren, dass sie für jede politische Organisation unbrauchbar waren. Es ging ihm um die Begründung eines Nationalismus, der weder mit dem Vorkriegs-Patriotismus noch mit dem Nationalsozialismus zu tun haben sollte. Im Jahr 1929 schloss er dieses politische Engagement mit seinem Buch „Das Abenteuerliche Herz“ ab und zog sich bis 1939 auf eine „Beobachterposition“ zurück. Eine Ausnahme davon bildet nur das 1932 erschienene essayistische Buch „Der Arbeiter. Herrschaft und Gestalt“.

Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, lehnte er bereits zum zweiten Mal ein Reichstagsmandat ab und zog sich von Berlin in die Provinz zurück, während seine Schriften ausgerechnet in dieser Zeit zunehmend populär wurden. Sein Verhältnis zum Nationalsozialismus blieb in der Anfangszeit ambivalent, was ihm Zeit seines Lebens viel Kritik einbrachte.

Im Jahr 1939 erschien sein Buch „Auf den Marmorklippen“, welches der für die Literaturkontrolle zuständige Reichsleiter Philipp Bouhler sofort indizieren lassen wollte. Später wurde Ernst Jünger zugetragen, dass Propagandaminister Josef Goebbels sogar die sofortige Inhaftierung des Autors und dessen Einweisung in ein Konzentrationslager beantragte. Nur der Einspruch Adolf Hitlers hätte dies verhindert, weil Jünger „Pour le Mérite“-Träger war. So wie sich Ernst Jünger auch während des Dritten Reiches jedem Opportunismus widersetzte, so widersetzte er sich dem Opportunismus auch nach dem Zweiten Weltkrieg, indem er sich weigerte, den Fragebogen zur Entnazifizierung auszufüllen. Stattdessen schrieb er am 15. Juli 1946:

„Überhaupt muß ich meine Leser bitten, meine Autorenschaft als Ganzes zu nehmen, in dem zwar Epochen, nicht aber Widersprüche zu unterscheiden sind. Ich möchte nicht zu denen gehören, die heute nicht mehr an das erinnert werden wollen, was sie gestern waren.“[3]

Diese Weigerung führte dazu, dass von der britischen Besatzungsmacht bis 1949 ein Publikationsverbot über ihn verhängt wurde. Bezeichnend für die Einstellung Ernst Jüngers ist in diesem Zusammenhang auch, dass er sich nach dem Krieg dagegen verwehrte, dass „Auf den Marmorklippen“ als ein Buch des Widerstands gelesen werden sollte. Viele andere Autoren hätten es sich gewünscht, auf Ähnliches verweisen zu können, um entsprechende Erleichterungen nach dem Krieg zu erreichen. Erst 1977, als es ihm nichts mehr brachte, fand Ernst Jünger deutlichere Worte:

„Na ja, ist ja auch selbstverständlich, und nebenbei war es auch als solches gedacht, und wurde sofort auch als solches empfunden“.[4]

Ab dem Jahr 1949 wurden wieder Bücher von Ernst Jünger veröffentlicht. Einen neuen Höhepunkt öffentlicher Anerkennung erreichte Jünger zu seinem 60. Geburtstag. Es wurden ihm mehrere Literaturpreise zugesprochen, und selbst der damalige Bundespräsident Theodor Heuss besuchte ihn. Obwohl Jünger weiterhin polarisierte, bekam er beispielsweise 1982 den Goethe-Preis verliehen und zum 90. Geburtstag besuchte ihn der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl. Die Zahl der Ehrungen und hohen Besuche nahm weiter zu.

Ernst Jünger starb am 17. Februar 1995 kurz vor seinem 103. Geburtstag. Das „Staatspolitische Handbuch“ von Karlheinz Weißmann und Erik Lehnert im Antaios-Verlag zählt Jünger aufgrund seiner durchgehenden Teilhabe an den geistigen Auseinandersetzungen des Jahrhunderts zu den bedeutendsten rechten bzw. konservativen Autoren. Sein Einfluss auf das konservative Denken vor und nach dem Zweiten Weltkrieg kann nicht überschätzt werden.

Jünger und die Technik

Ernst Jünger war zu seinen Lebzeiten einer der wenigen deutschen Autoren, die sich ausführlich mit den Fragen der Technik beschäftigt haben. Dabei war seine Initiation in diese Fragen gleichzeitig ein entscheidendes persönliches Erlebnis: der Erste Weltkrieg und seine erstmaligen technisch und bürokratisch beherrschten Materialschlachten. In diesem Krieg wurde der Mensch zum Objekt, zur austauschbaren Verschleißware degradiert, und die Technik machte ihn zum Ziel einer unpersönlich geführten Vernichtungsmaschinerie. Die technische Zerstörungsgewalt selbst wurde in den Augen der Soldaten zur unausweichlichen Naturgewalt. In „Feuer und Blut“ schrieb Ernst Jünger:

„Die moderne Schlacht ist ein furchtbares Messen der gegenseitigen Produktion und der Sieg der Erfolg einer Konkurrenz, die billiger, zweckmäßiger und schneller herzustellen versteht. Hier deckt das Zeitalter, aus dem wir stammen, seine Kehrseite auf. Die Herrschaft der Maschine über den Menschen, des Knechtes über den Herrn wird offenbar, und ein tiefer Zwiespalt, der schon im Frieden die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ordnungen zu erschüttern begann, tritt auch in den Schlachten dieses Zeitalters tödlich hervor. Hier enthüllte sich der Stil eines materialistischen Geschlechts, und die Technik feierte einen blutigen Triumph.“[5]

Doch interpretierte Ernst Jünger dieses kriegerische Geschehen noch nicht nihilistisch. Erst in der Friedenszeit ab seiner Schrift „Das Abenteuerliche Herz“ von 1929 sah er in der fortschreitenden Automatisierung und Instrumentalisierung des Menschen auch den Siegeszug des Nihilismus in Form einer Herrschaft der Technik. Zunächst versuchte es Ernst Jünger mit einer Symbiose zwischen Mensch und Technik.

So entstand das theoretische Hauptwerk des frühen Jünger: „Der Arbeiter“ von 1932. „Der Arbeiter“ übersetzte vor allem Jüngers kriegerische Ideen in die damalige deutsche Friedenswelt und schuf ein der marxistischen Utopie verwandtes Modell. Die Grundlage der Diagnose bildete die Einsicht in den Beschleunigungscharakter der Moderne. Ernst Jünger schilderte, wie sich die Welt immer weiter zu einer nihilistischen Massengesellschaft entwickelt und wie letztlich die Gestalt des „Arbeiters“ zur weltbestimmenden Dimension wird.

Die Gestalt des Arbeiters ist total an die Maschinenwelt angepasst und verfügt über keine bürgerliche Empfindsamkeit mehr. Sie ist Ernst Jüngers Antwort an die Forderungen der modernen Technik. Mit dem Heraufkommen der Gestalt des Arbeiters sieht er den Untergang des liberalen Bürgers, der Masse und des Individuums verbunden. Die neue Verbandsform dieses Menschentypus sei die „organische Konstruktion“. Die Gestalt des Arbeiters wird dabei ein Teil der Technik und die Technik ein Teil der Gestalt des Arbeiters.

Bei „Der Arbeiter“ handelte es sich um einen der bedeutendsten Beiträge zur Technikdiskussion im 20. Jahrhundert. Die Bedeutung von „Der Arbeiter“ ist vor allem für Martin Heideggers „Frage nach der Technik“ von enormer Bedeutung. Zusammen mit Ernst Jüngers „Die totale Mobilmachung“ von 1930 übernahm Martin Heidegger entscheidende thematische Impulse. Durch Heideggers grundlegende These, dass die Technik die Vollendung der Metaphysik sei, wurde die Technik zu einem genuinen Thema seines Philosophierens. Doch stand Martin Heidegger dem Denken Ernst Jüngers kritisch gegenüber. Für Heidegger stellte die Gestalt des Arbeiters den Höhepunkt der Organisation des „Ge-stells“ dar, welcher mit einer totalen Seinsvergessenheit einhergeht.

Doch bis zum Erscheinen von Heliopolissollte sich Ernst Jüngers Technikverständnis noch gravierend ändern. Nicht zuletzt erkannte er, dass er mit seiner futuristischen Technikbegeisterung dem unästhetischen nationalsozialistischen Totalitarismus in die Hände gespielt hatte.  Es kam zu einer zunehmend kritischen Haltung gegenüber der Technik, welche schließlich seinen Höhepunkt erreichte, als er vom Abwurf der Atombomben erfuhr. In „Strahlungen“ schrieb er:

„Durch ihn erfuhr ich von der japanischen Kapitulation – sie sei erzwungen worden durch die Verwendung einer „Turmbombe“. Ich hielt das für ein Geschoss, das, aus großer Höhe abgeworfen, zur Erschütterung von Städten dienlich sei. Erst im Verlauf des Gesprächs erwies sich der Irrtum, und ich hörte, dass es sich um eine „Atombombe“ gehandelt habe, die über einer japanischen Großstadt explodierend, Hunderttausende von Menschen mit einem Schlag getötet haben soll. Das wäre ein Untergang von einem Umfang, wie er bisher nur durch kosmische Katastrophen möglich schien – ich meine, in Sekunden. […]. Sogleich ergriff mich heftiger Kopfschmerz, der immer noch währt. Die letzten Jahre waren an solchen Nachrichten reich. Sie fallen ins Innere wie Gift in einen See. Die Pflanzen, die Fische, ja selbst die Ungeheuer, die dort leben, beginnen zu kränkeln; die Farben löschen aus.“[6]

Es kam infolgedessen zu einer Annäherung Jüngers an die Technikkritik Heideggers, welcher die Verselbstständigung des „Willens zur Macht“ und die zunehmende „Seinsvergessenheit“ des Menschen kritisierte. Schon seit „Auf den Marmorklippen“ wandte sich Ernst Jünger zunehmend von seiner früheren Konzeption ab, die er in „Der Arbeiter“ entwickelte und in welcher er selbst der Propagandist einer totalitär anmutenden Technisierung des privaten und gesellschaftlichen Daseins war. So wirkte „Der Arbeiter“ auf Martin Heidegger und dieser wiederum zurück auf Jünger. Diese Abwendung und Neuentwicklung seiner Technikkonzeption mündete letztlich in „Heliopolis“.

Heliopolis

Den Roman „Heliopolis“ vollendete Ernst Jünger im Jahr 1949. In ihm verband er eine fantastische Zukunftsvision mit zahlreichen philosophischen Exkursen und historischen Elementen. Es handelt sich dabei um einen von insgesamt drei eindeutig utopischen, ort- und zeitlosen Romanen neben „Gläserne Bienen“ (1957) und „Eumeswil“ (1977), in denen es um eine Weiterentwicklung der Thesen seines Frühwerkes ging. Das Buch schrieb Ernst Jünger in der Zeit zwischen Januar 1947 und März 1949. Es erschien noch im Jahr seiner Fertigstellung. Dies war nach einer vierjährigen Pause bedingt durch sein Publikationsverbot, nach der erstmals wieder die Werke Ernst Jüngers in Deutschland gedruckt werden durften. Das hatte zur Folge, dass „Heliopolis“ fast zeitgleich mit dem Kriegstagebuch „Strahlungen“ veröffentlicht wurde.

„Heliopolis“ gehört zu einer Gruppe von Werken mit dystopischen Zügen, wie sie vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden und welche versuchten, die Totalitarismen des 20. Jahrhunderts zu beschreiben und zu verarbeiten. Einer der bekanntesten davon war George Orwells „1984“, aber auch Hermann Hesses „Das Glasperlenspiel“, Oskar Maria Grafs „Die Eroberung der Welt“, Arthur Koestlers „Gottes Thron steht leer“ und Franz Werfels „Stern der Ungeborenen“ lassen sich dieser Gruppe von Büchern zuordnen. Dass ausgerechnet dystopische Romane in dieser Zeit blühten, war die Reaktion auf die Ideologien des 20. Jahrhunderts, welche als Gemeinsamkeit allesamt eine utopische Zielvorstellung aufwiesen. Die Dystopie wollte nun nicht mehr ein solches positives Ziel aufzeigen, sondern des Gegenteil. „Heliopolis“ geht hierbei einen Schritt weiter und zeigt nicht nur eine einzige gesellschaftliche Ordnung auf, sondern entwirft zwei miteinander konkurrierende Herrschaftsordnungen, deren Sieg oder Niederlage bewusst in der Schwebe gehalten wird.

Auch in „Heliopolis“ knüpfte Ernst Jünger an die Gedanken an, die er bereits in „Auf den Marmorklippen“ und in „Der Friede“ formuliert hatte. Vor allem die inhaltlichen Ähnlichkeiten zu „Auf den Marmorklippen“ sind unübersehbar, so dass die Ansicht vertreten wurde, dass es sich bei Heliopolis in der Grundstruktur um ein technisiertes „Auf den Marmorklippen“ handle. So entspricht der Oberförster dem Landvogt, der Lehrer des Protagonisten aus „Auf den Marmorklippen“ entspricht Nigromontan, Pater Lampros dem Pater Foelix, die Schinderhütte Köppels-Bleek dem Toxikologischen Institut und Alta Plana ähnelt dem Burgenland.

Auch findet sich in Heliopolis der Geheimorden der Mauretanier wieder, denen sowohl der Protagonist von den Marmorklippen als auch der von Heliopolis in der Zeit vor der eigentlichen Handlung angehörten. Die Erzählung in Form einer Utopie gab Jünger wie schon in „Auf den Marmorklippen“ die Möglichkeit, erkannte Tendenzen fantastisch weiterzudenken, um so eine über die Konzeption in „Der Arbeiter“ hinausgehende Haltung zur Technik zu entwickeln.

Die Handlung

Die Handlung des Buches spielt sich um und in einer Stadt namens Heliopolis ab. Genauso wie Ernst Jünger darum bemüht war, die Position der Stadt nur vage im Mittelmeerraum zu verorten und sonst im Ungewissen zu belassen, so verrät er auch nichts über den genauen Zeitpunkt der Handlung. Stattdessen zeichnet sich der Roman durch einen „Synkretismus der Anachronismen“ aus. Beispielsweise gibt es „Strahlenwissenschaftler“ neben Völkern, die von Piraterie leben, Raumfahrt neben schlichter Kavallerie und ein „Energeionbad“ neben der einfachen Nassrasur.

Obwohl der Zeitpunkt der Handlung bewusst nicht genannt wird, schreibt Ernst Jünger einiges über die geschichtliche Entwicklung von der tatsächlichen Gegenwart bis zum Beginn der Erzählung. So wird es in der Zukunft zu einer nuklearen Katastrophe kommen, welche im Buch als „die großen Feuerschläge“ bezeichnet werden. Dass Ernst Jünger damit einen nuklearen Krieg von globalem Ausmaß gemeint hat, geht aus dem Besuch des Protagonisten Lucius de Geer im Waffendepot des „Feuerwerkers“ hervor und dürfte mit dem Schock Ernst Jüngers über den tatsächlichen Abwurf von Atombomben auf japanische Städte zusammenhängen:

„Sie standen jetzt in einem Raume, den Boliden in der Form von Donnerkeilen, Bomben und Raketen füllten; hier war die Strahlung außerordentlich. Zum Teile waren diese Ferngeschosse mit Trieb – und Zielmaschinen sinnreich kombiniert. Man sah sie in allen Größen, von winzigen Wurfgeschossen bis zu den Modellen, die an die Höhe des Gewölbes anstießen. Ihr Anblick rief im historischen Gedächtnis die Zeit der Großen Feuerschläge wach, die Zeit des Völkerschreckens, in der man durch ihren Gluthauch Städte verbrannte und Reiche zu Wüsten wandelte.“[7]

Nachdem dieser Weltkrieg beendet war, gelang es dem „Regenten“ einen Weltstaat zu errichten. Doch war dieser nicht von Dauer, und es kam zu einem Krieg zwischen dem Regenten und einer nicht näher definierten „Liga“. Zwar siegte der Regent vollständig in einer Seeschlacht 25 Jahre vor der eigentlichen Handlung des Buches, doch kam es zum sogenannten „Auszug des Regenten“. Dabei zog sich der Regent in eine „kosmische Residenz“ zurück, weil er seine Vorstellung von der idealen Gesellschaftsordnung als gescheitert ansah. Doch hat er den Plan der Wiederkehr nach einer Zeit, in der eine durch Schmerz gebildete Elite entstanden ist und „alle Spieler zum Zuge gekommen und gescheitert sind“. Die Begründung liefert eine direkte Anspielung auf Nietzsches Philosophie vom „Übermenschen“:

„[Der Regent] billigt die Lehre Zarathustras, nach welcher der Mensch vom Übermenschen überwunden werden muß. Er sieht sie nicht ethisch, sondern in der historischen Notwendigkeit. Der nächste Schritt liegt darin, daß auch der Übermensch zu überwinden ist, indem er am Menschen scheitert, der in der Begegnung höhere Macht gewinnt. Das ist ein Zirkel, der unumgänglich ist.“[8]

Mit der Ankündigung der Wiederkehr des Regenten, welche 25 Jahre nach der Handlung stattfinden wird, endet das Buch. Seit dem Auszug des Regenten bis zu diesem Zeitpunkt beschränkt sich der Regent auf die Rekrutierung einer neuen Elite, greift ansonsten aber nicht in die konkrete Politik ein (bis auf den Punkt, dass er nukleare Waffen verbietet). So kommt es, dass sich in Heliopolis zwei Konfliktparteien bildeten: die Partei des Prokonsuls als legitimer Vertreter des Regenten und die Partei des Landvogts.

Beide Parteien sind Vertreter unterschiedlicher Denkströmungen, wobei der Landvogt als der Vertreter totalitärer und ochlokratischer Prinzipien dargestellt wird. Sein Sitz ist das Zentralamt, er stützt sich auf die breite Masse, und die Akteure seines Lagers werden durchgängig als technisch beschrieben. Sein Ziel ist es, mit Hilfe der Technik und der Manipulation der Massen eine Pöbelherrschaft zu errichten. Dafür stehen ihm sowohl die Medien zur Verfügung, als auch das „Toxikologische Institut“, in dem sadistische Versuche an lebenden Menschen durchgeführt werden. Der General beschreibt diese Denkschule, die „das Leben nach unten“ ausrichten soll:

„Die erste, in Heliopolis sich um den Landvogt und sein Zentralamt sammelnd, stützt sich auf die Trümmer und Hypothesen der alten Volksparteien und plant die Herrschaft einer absoluten Bürokratie. Die Lehre ist einfach: sie sieht den Menschen als zoologisches Wesen und faßt die Technik als das Mittel, das diesem Wesen Form und Macht verleiht, es auch am Zügel hält. Sie ist ein in das Rationale gesteigerter Instinkt. Infolgedessen zielt ihr Bestreben auf die Bildung von intelligenten Insektenstaaten ab. Die Lehre ist sowohl im Elementaren wie auch im Rationalen gut gegründet, und darin liegt ihre Macht.“[9]

Hingegen wird der Prokonsul als schöngeistig dargestellt. Er ist der legitime Vertreter des Regenten und damit der legale Machthaber. Sein Sitz ist der Palast, wo er sich mit Offizieren, Künstlern, Philosophen, Theologen und Wissenschaftlern umgibt. Er vertritt aristokratische Prinzipien und zielt auf die Bildung der neuen Elite für den Prokonsul ab. Die Beschreibung des Generals für das Lager des Prokonsuls lautet:

„Wir wollen die Freiheit des Menschen, seines Wesens, seines Geistes und seines Eigentums, und Staat nur insofern, als diese Güter zu schützen sind. Daraus ergibt sich der Unterschied unserer Mittel und Methoden zu denen des Landvogtes. Er ist auf Nivellierung angewiesen, auf Atomisierung und Gleichmachung des menschlichen Bestandes, in dem abstrakte Ordnung herrschen soll. Bei uns hingegen soll der Mensch der Herrscher sein. Der Landvogt strebt die Perfektion der Technik, wir streben die Perfektion des Menschen an.“[10]

Diese Opposition von Landvogt und Prokonsul soll zwei Möglichkeiten der Moderne aufzeigen: die Perfektion als bürokratisch-technische Herrschaftsform im Sinne des Landvogts und die Beibehaltung einer konservativen Lebensform im Sinne des Prokonsuls. Der Konflikt wird jedoch nicht offen ausgetragen, sondern im Gegenteil verkehrt man offiziell sogar „freundschaftlich“ miteinander. Jede Partei setzt seine Aktionen jeweils so, dass es nicht zu einem Ausbruch des Bürgerkrieges kommt.

„Prokonsul und Landvogt hielten seit dem Auszug des Regenten eine Politik des Gleichgewichtes inne, wie sie in solchen Lagen stets wiederkehrt. Sie wußten beide, daß der große Schlag nur einmal fallen konnte, und, wenn er fehlte, den Untergang bedeutete.“[11]

In dieser angespannten Situation erreicht der Protagonist Lucius de Geer Heliopolis. Die Machtverteilung, die er vorfindet, ist die, dass „der Landvogt politisch bereits die Macht errungen hatte, die real noch beim Prokonsul war.“[12] Lucius de Geer ist als Offizier beim Heer und als Agent in geheimer Mission im Dienste des Prokonsuls. Wie alle Personen des Buches ist er weniger eine individuelle Person, als vielmehr ein Vertreter einer bestimmten Weltanschauung. Ihn begleitet man durch die Geschichte des Buches, welche in zwei Hauptstücke aufgeteilt ist. Der erste Teil dient dazu, die eben geschilderte Lage vorzustellen, während sich die Handlung im zweiten Teil des Buches nach einem Attentat auf „Messer Grande“, den Polizeichef des Landvogts (und klare Anspielung auf Reinhard Heydrich), beschleunigt und immer weiter auf eine Entscheidung drängt.

Technikkritik

In Heliopolis ist die Technik bereits so weit vorangeschritten, dass sie in den wichtigsten Bereichen als „abgeschlossen“ gilt. Beispielsweise sind die Geschwindigkeiten „absolut“ geworden, so dass Entfernungen keine Rolle mehr spielen. Ein Zentralarchiv, in dem alle Wissensbestände der Welt zur Verfügung stehen, ein „Energeion“, das Energie überall und jederzeit verfügbar macht, „Zerstäuber“, die für ein ideales Klima sorgen, „thermische Bronze“ für die Heizung und ein schattenloses Licht sind nur einige Erfindungen, die Heliopolis „am Ende des Fortschritts“ ankommen haben lassen. Besonders hervorgehoben zu werden verdient ein Gerät namens „Phonophor“, welches das heutige „Smartphone“ bereits im Jahre 1949 vorwegnimmt. Auch mit den spezifischen Gefahren eines solchen Gerätes beschäftigt sich Jünger mehrmals in Heliopolis und macht dabei vor allem auf das Problem der jederzeitigen Erreichbarkeit und der totalen Überwachung aufmerksam.

Doch liegt die eigentliche Bedeutung von Heliopolis nicht auf solchen Einzelfragen, wie sie im Buch in großer Zahl aufgeworfen werden, sondern die Handlung als Ganzes stellt eine Neukonzeption der Technikphilosophie Ernst Jüngers dar. Das erste, das auffällt, ist, dass Jünger in der Person des Landvogts seine eigene frühere Technikkonzeption, die er in „Der Arbeiter“ aufgestellt hatte, kritisiert. Statt der „heroischen Technikkonzeption“ von „Der Arbeiter“ entwickelt Jünger in Heliopolis eine „magische Technikkonzeption“, welche die Überwindung der Technikproblematik bieten soll und bezeichnend für den späteren Ernst Jünger wird.

In Heliopolis wird die Entwicklung der Technik in drei Phasen dargestellt:

„Die erste war titanisch; sie lag im Aufbau der Maschinenwelt. Die zweite war rational und führte dem perfekten Automatismus zu. Die dritte ist magisch, indem sie die Automaten mit Sinn belebt. Die Technik nimmt zauberhaften Charakter an; sie wird den Wünschen homogen.“[13]

Das erinnert unübersehbar an die Gegenwart, wo die Technik nicht mehr als ein Hilfsmittel gesehen wird, sondern die Wünsche sich auf die Technik selbst beziehen. Man will kein neues iPhone, weil man damit besser telefonieren kann, sondern um dieses technische Gerät zu haben!

Einzig das „Burgenland“, die Heimat des Protagonisten, lehnt die Technik strikt ab und kann auf diese Weise seine ritterlichen, aristokratischen Werte bewahren. Der Grund der Unvereinbarkeit zwischen diesen für Jünger zweifelsfrei positiven Werten und der Technik liegt an einer Theorie, welche Jünger aufstellt: nämlich, dass die technische Ordnung alle Werte vernichtet. Alle Parteien im Buch werden in diesem Sinne durch die Verbindung ihres Machtwillens mit der Technik korrumpiert und sind daher mehr oder weniger nihilistisch. Technik wird gleichbedeutend mit Macht. Man könnte dies an einem gegenwärtigen Beispiel erläutern: So sind auch heute manche Staaten gezwungen, Atomwaffen zu besitzen und gegebenenfalls einzusetzen, auch wenn es ihren Gerechtigkeitsvorstellungen widerstrebt.

Diese Problematik wird in einer Schlüsselszene des Buches behandelt, die von einem Vortrag vor Kriegsschülern handelt. Der Vortrag trägt den Titel „Der Steg von Masirah“ und schildert eine problematische Situation, zu deren Lösung verschiedene gut begründbare Handlungsvorschläge möglich sind. Im Laufe des nur dieser Thematik gewidmeten Kapitels entscheidet sich Lucius de Geer für eine Lösung, die der einzelnen Person einen Raum für autonome moralische Entscheidung belässt. Hingegen setzt sich sein Vorgesetzter, der General, für eine Lösung ein, die einer pragmatischen Gewaltanwendung zum Machterhalt den Vorzug gibt. Auch an dieser Stelle erkennt man, dass sich selbst die aristokratische Seite des Prokonsuls durch den „Willen zur Macht“ einem Nihilismus zuwendet. Lucius wird in der Folge immer mehr von Selbstzweifeln geplagt. Er muss erkennen, dass der Gegensatz von Macht (und darum Technik) und Gerechtigkeit nicht auflösbar ist. Die Technik hatte sich verselbstständigt und hatte zur „Seinsvergessenheit“ geführt. Das heißt, dass die Frage nach dem eigentlichen Sinn von Sein nicht mehr gestellt wird und die Person im „Man“, also im allgemeinen Muster des Denkens vollkommen aufgeht und sich verliert.

Doch wie sieht Jüngers Lösung für die Überwindung dieses Gegensatzes aus? Dies lässt sich gegen Ende des Buches nur erahnen, als Lucius de Geer auf der Geheimmission zur Sprengung des Toxikologischen Instituts unterwegs ist. Aus moralischen Gründen will er eine Person retten, womit er seine militärischen Befugnisse überschreitet und vom Dienst entlassen wird. Genau diese Entscheidung zugunsten der Moral anstatt den technisch-bürokratischen Gesetzen macht ihn letztlich reif dafür, in den auserwählten Kreis um den Regenten aufgenommen zu werden. Damit wird sein vorübergehendes Scheitern letztlich zu einem Triumph. Er verlässt Heliopolis und verschwindet im Weltraum, bis er 25 Jahre nach der Handlung mit dem Regenten auf die Erde zurückkommt.

Doch was ist die Begründung für die Rückkehr nach 25 Jahren und damit für die Reife der Menschen für die neue Ordnung? Eine Antwort findet man in der Person des Phares, dem Kapitän des „Regentenschiffes“:

„Der Fremdling war in ein Gewand aus blauem Asbest gekleidet – die Tracht der großen Fahrten und der starken Strahlungen. Sie wirkte wie ein Arbeitskittel, der Räumen und Werken einer höheren Mechanik angemessen war. […] Die Züge des Piloten wiesen eine höchste, gebieterische Ruhe auf. Man ahnte unbegrenzte Reserven hinter ihr, auch das Bewußtsein eines Abgesandten, dessen bloßes Erscheinen für wichtiger als das von Heereszügen und Geschwadern galt. Doch war auch Güte ausgeprägt; es webte keine Furcht um ihn. Die Macht war konzentriert, doch nicht gespannt. Es fehlte daher auch das Versteinte, das Metallisierte, das sie sonst ihren Trägern gibt.“[14]

Die Person des Phares, die Ernst Jünger hier beschreibt, bezeichnete er in einem Privatgespräch mit Armin Mohler als den „Übermenschen“ Nietzsches. Der Nihilismus und der Mensch selbst wird hier durch den Übermenschen überwunden, der in Heliopolis als eine Verbindung („Mutation“) zwischen dem Typus eines moralischen Menschen und der Gestalt des technischen „Arbeiters“ vorgestellt wird. Damit der Mensch dies aber erreicht, muss er – und wird dies nach der Erzählung mit historischer Notwendigkeit – zum „Zug kommen und scheitern“.

„Es wäre seltsam […] wenn solche Wirkungen sich nicht ergeben hätten, das Wunderbare liege vielmehr im glücklichen Charakter der Mutation. Was aber nun im Grunde sich ereignet hatte, blieb das Geheimnis des Regenten und seiner Mannschaften.“[15]

Jünger korrigiert damit in Heliopolis mehrere von den Thesen, welche er in „Der Arbeiter“ aufgestellt hat – Erstens: Um das Abgleiten in die Barbarei zu verhindern, bedarf es einer moralischen, von etwas „höherem“ abgeleiteten Komponente. Und zweitens verbürgt die Perfektion der Technik keineswegs einen stabilen Zustand der Gesellschaft. Stattdessen bleibt ein zyklisch aufflammender Kampf um die Macht eine geschichtliche Notwendigkeit, die auch eine technische Perfektion nicht überwinden kann.F

Literatur

DRAGANOVIĆ Julia: Figürliche Schrift. Zur darstellerischen Umsetzung von Weltanschauung in Ernst Jüngers erzählerischem Werk. Würzburg 1998.

GAUGER Klaus: Die Technikfrage bei Ernst Jünger. Ernst Jüngers Technikphilosophie und Technikkritik im Spiegel seines Gesamtwerkes. http://www.arnshaugk.de/diktynna/ej_technikkritik.pdf (2.1.2014).

GAUGER Klaus: Die Weltschau des Anarchen: Zu den utopischen Romanen Ernst Jüngers. http://revistas.ucm.es/index.php/RFAL/article/viewFile/RFAL9999110139A/33869 (2.1.2014).

HEYER Ralf: „Verfolgte Zeugen der Wahrheit“. Das literarische Schaffen und das politische Wirken konservativer Autoren nach 1945 am Beispiel von Friedrich Georg Jünger, Ernst Jünger, Ernst von Salomon, Stefan Andres und Reinhold Schneider. Dresden 2008.

JÜNGER Ernst: Heliopolis. Rückblick auf eine Stadt. Tübingen 1956.

MARTUS Steffen: Ernst Jünger. Stuttgart-Weimar 2001.

MEYER Martin: Ernst Jünger. München-Wien 1990.

SCHLEMMER Torsten: „Das Kleid des Arbeiters“. Der Stellenwert der Technik im Weltbild Ernst Jüngers. http://www.mythos-magazin.de/ideologieforschung/ts_juenger.pdf (2.1.2014).

SCHWILK Heimo: Wie Hitler und Heß um Ernst Jünger warben. http://www.welt.de/wams_print/article2333149/Wie-Hitler-und-Hess-um-Ernst-Juenger-warben.html (2.1.2014).

SCHWILK Heimo: Ernst Jünger. Leben und Werk in Bildern und Texten. Stuttgart 2010.

SEUBOLD Günter: Martin Heideggers Stellungnahme zu Jüngers ‚Arbeiter‘ im Spiegel seiner Technikkritik. IN: STRACK Friedrich: Titan Technik. Ernst und Friedrich Georg Jünger über das technische Zeitalter. Würzburg 2000.

WEIẞMANN Karlheinz / Erik LEHNERT: Staatspolitisches Handbuch. Band 3: Vordenker. Schnellroda 2012.


[1]MARTUS Steffen: Ernst Jünger. Stuttgart-Weimar 2001, S. 1.
[2]FERNAU Joachim: Caesar lässt grüßen. Die Geschichte der Römer. Frankfurt am Main-Berlin 1991, S. 2.
[3]MARTUS Steffen: Ernst Jünger. S. 167.
[4]MARTUS Steffen: Ernst Jünger. S. 130.
[5]GAUGER Klaus: Die Technikfrage bei Ernst Jünger. Ernst Jüngers Technikphilosophie und Technikkritik im Spiegel seines Gesamtwerkes. http://www.arnshaugk.de/diktynna/ej_technikkritik.pdf (2.1.2014), S. 2.
[6]GAUGER Klaus: Die Technikfrage bei Ernst Jünger. S. 24-25.
[7]JÜNGER Ernst: Heliopolis. Rückblick auf eine Stadt. Tübingen 1956, S. 300.
[8]JÜNGER Ernst: Heliopolis. Rückblick auf eine Stadt. S. 429-430.
[9]JÜNGER Ernst: Heliopolis. Rückblick auf eine Stadt. S. 175.
[10]JÜNGER Ernst: Heliopolis. Rückblick auf eine Stadt. S. 53.
[11]JÜNGER Ernst: Heliopolis. Rückblick auf eine Stadt. S. 71.
[12]JÜNGER Ernst: Heliopolis. Rückblick auf eine Stadt. S. 53.
[13]JÜNGER Ernst: Heliopolis. Rückblick auf eine Stadt. S. 220.
[14]JÜNGER Ernst: Heliopolis. Rückblick auf eine Stadt. S. 423-424.
[15]JÜNGER Ernst: Heliopolis. Rückblick auf eine Stadt. S. 425.