Seit dem 11. September 2001 ist der Begriff Islamismus in aller Munde und er hat sich spätestens seit der Terrorwelle des Islamischen Staates in das Bewusstsein aller Europäer eingeprägt. Doch was ist Islamismus eigentlich, wo liegen seine Ursprünge und welches Verhältnis besteht zwischen Islam und Islamismus?

Eine Studie im Auftrag der Universität Münster stellte unter türkischen Migranten und deren Nachkommen in Deutschland einen „beträchtlichen Anteil an islamisch-fundamentalistischen Einstellungen“ fest. 47 Prozent stimmten zu, dass die islamischen Gebote wichtiger seien als die Gesetze des Staates. In Österreich ergab eine Studie 2017, dass 34,6 Prozent der Muslime in Österreich eine „hochfundamentalistische Einstellung“ haben. Auch eine Studie aus dem Jahr 2013 ergab, dass 73,1 Prozent der Muslime in Österreich die Regeln des Korans für wichtiger halten als die österreichischen Gesetze.  

Dennoch gehört es zum Tagesgeschäft etablierter Politiker und Medien, die Gefahr des Islamismus zu relativieren, herunterzuspielen und Kritiker mit verleumderischen Parolen mundtot zu machen. Sie beteuern, dass der Islamismus nur eine unwesentliche und unbedeutende Facette des Islams sei. Dementgegen stellt das Standardwerk Handbuch des Islam fest: „Islamistische Gruppen und Bewegungen haben die Geschichte der islamischen Welt seit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geprägt und wurden in seinen letzten zwei Jahrzehnten sogar zu Akteuren der Weltgeschichte. Sie sind überall dort vertreten, wo Muslime leben, das heißt auch in der großen Diaspora in Europa, Nord- und Südamerika und Australien.“ (Der Islam in der Gegenwart, S. 681)

Was ist Islamismus?

„Islamischer Fundamentalismus“, „politischer Islam“, „Islamismus“, „Islamofaschismus“, „Dschihadismus“ – wie in jeder hochpolitischen Debatte werden auch hier die Begriffe meist blind, unscharf oder sogar falsch verwendet. Deshalb soll zuerst der Begriff Islamismus definiert und von anderen Begriffen abgegrenzt werden. Der Islamwissenschaftler Heinz Halm definiert ihn so „Beim Islamismus handelt es sich um Bestrebungen zur Umgestaltung von Gesellschaft, Kultur, Staat oder Politik anhand von Werten und Normen, die als islamisch angesehen werden.“ (Halm, Islamismus, S. 9) Die Definition erscheint unbefriedigend, weil Halm damit beispielsweise wahhabitische Gelehrte in Saudi-Arabien von seiner Definition ausnimmt, weil diese ja bereits in einem solchen Staat leben und nicht mehr nach ihm streben müssen.

Auch die Definition der Bundeszentrale für politische Bildung ist nicht befriedigend: „Islamismus ist eine Sammelbezeichnung für alle politischen Auffassungen und Handlungen, die im Namen des Islam die Errichtung einer allein religiös legitimierten Gesellschafts- und Staatsordnung anstreben.“ Auch hier existieren Islamisten nur bis zur Errichtung eines solchen Staates. Es scheint daher eine Korrektur notwendig. Im weiteren Artikel verwende ich Islamismus deshalb in diesem Sinne:

„Beim Islamismus handelt es sich um eine Sammelbezeichnung für all jene Auffassungen und Handlungen, die eine Ausrichtung des privaten und öffentlichen Lebens nach Werten und Normen fordern, die als islamisch angesehen werden.“

Der Begriff „Islamismus“ kann und muss von anderen Begriffen abgegrenzt werden. Erstens „islamischer Fundamentalismus“ – Bernhard Lewis wies zurecht darauf hin, dass der Begriff ursprünglich auf Strömungen im Protestantismus angewandt wurde, welche an die absolute Irrtumslosigkeit der Bibel auf allen Gebieten glaubten. Da der Koran im Islam unumstritten das direkte (und damit unfehlbare) Wort Gottes ist, müsste demnach jeder gläubige Muslim ein Fundamentalist sein. Er eignet sich daher nicht, um Islamisten als Sondergruppe anzusprechen. Gleichermaßen ist der Begriff „politischer Islam“ irreführend. Denn der Islam hatte mit Mohamed als Staatsmann von Anfang an auch einen politischen Anspruch – er setzte sich als Staat durch. Deshalb regeln die Gebote und Verbote des Islams auch weite Bereiche der Rechtsordnung und ist der Islam insbesondere nach Rechtsschulen gespalten. Der Islam ist als solcher eine „politische Religion“ und deshalb ist das Sprechen vom „politischen Islam“ irreführend.

Mit dem Begriff „Dschihadismus“ wird hingegen nur die militante Strömung innerhalb des Islamismus bezeichnet. Würde man Dschihadismus mit Islamismus gleichsetzen, würde man den ungleich größeren Bereich des friedlichen Islamismus aus den Augen verlieren. Zuletzt bleibt der Begriff „Islamofaschismus“, der Parallelen zwischen dem Faschismus und dem Islamismus aufzeigen soll und meist in der populistischen Debatte verwendet wird. Er spielt mit moralischen Reflexen zum Thema, verkennt dabei aber einerseits wesentliche Unterschiede zum Faschismus und andererseits den grundsätzlich modernen Charakter des Islamismus (und damit Parallelen zu allen modernen Ideologien).

Die Wiege des Islamismus

Der Islamismus ist ein Phänomen, das erst im 19. Jahrhundert entstand. Er war eine Reaktion auf den steten Niedergang der islamischen Welt, der im bereits im Mittelalter einsetzte und sich in der Neuzeit zuspitzte. Die Gebietsverluste der islamischen Welt begannen im Westen mit der Eroberung Toledos 1085 und führten über Iwan den Schrecklichen, der das muslimische Zentralasien 1552 unterwarf, und die East India Company, welche die Bengalen 1757 besiegte. Mit dem Zeitalter des Kolonialismus war letztlich nur mehr ein Teil der arabischen Halbinsel niemals unter europäischer – und damit aus muslimischer Sicht christlicher – Kontrolle. Das Kalifat im Osmanischen Reich löste sich langsam auf, während Ägypten (wo sich die wichtige al-Azhar-Universität befindet) unter britischer Herrschaft stand. Die Sultane galten als korrupt und unfähig. Für die meisten Muslime – nicht nur Islamisten – ist dieser Niedergang der islamischen Welt noch heute eine schwere Kränkung.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entbrannte in der islamischen Welt eine Debatte über die Ursachen und die mögliche Überwindung dieser Lage. Die zentrale Rolle in der Debatte spielte natürlich der Westen und die Frage, warum die islamische Welt, die einst unter dem mächtigen Kalifen eine Blüte der Wissenschaft und Macht erlebte, nunmehr darniederlag. Es drängte sich die Frage auf, ob und inwieweit die westliche Moderne in die islamische Welt übernommen werden sollte, um den Rückschritt gegenüber dem Westen aufzuholen. Drei Strömungen gaben unterschiedliche Antworten:

  • Traditionalisten: Sie sahen die religiöse Tradition mitsamt den Gelehrteninstitutionen im Wesentlichen positiv und beurteilten die westliche Moderne kritisch. Keine Modernisierung und keine Verwestlichung.
  • Modernisten: Säkular geneigte Muslime wollten eine vollständige Modernisierung nach westlichem Vorbild. Unverträglichkeiten würden auf Fehlinterpretationen des Islams zurückgehen – Modernisierung und Verwestlichung.
  • Reformisten: Die Reformisten wollten die Lücke zwischen westlicher Moderne und mittelalterlicher Religion durch eine Reform des Islams schließen – Modernisierung ohne Verwestlichung.

Eine Gruppe, die den Islam als Privatsache ansah, existierte praktisch nicht. Die Ursprünge des Islamismus liegen nun nicht etwa bei den Traditionalisten, sondern bei den Reformisten. Sie forderten eine Rückbesinnung auf den „ursprünglichen Islam“, um an die Erfolge des alten Kalifenreiches anknüpfen zu können.

Islamismus als Phänomen der Moderne

Dabei war es keineswegs ein „Zurück ins Mittelalter“, wie der Westen heute fälschlicherweise attestiert. Für die Reformisten begann der Niedergang der islamischen Welt nämlich bereits, als sich die Ulema (die islamischen Gelehrten) „Despoten“ beugte und fremde Kulturen wie die griechische Philosophie integrierte. Die idealisierte Frühzeit der Islamisten beschränkt sich deshalb auf die Zeit Mohameds und der ersten vier Kalifen.

Die Moderne hingegen wurde von den Reformisten niemals als solche abgelehnt, sondern sollte in den Islam integriert werden. „Im Grunde – so die Reformisten – habe Europa nur wissenschaftliche und gesellschaftliche Ansätze weiterentwickelt, die schon lange vorher von den Muslimen formuliert und ausgearbeitet worden seien.“ (BPB, Prof. Dr. Stephan Conermann) Nicht nur, dass die Reformisten von anderen muslimischen Denkern als „islamische Modernisten“ bezeichnet wurden, verstanden sie sich auch selbst als eine Avantgarde der Moderne.

Zu der Gruppe der frühen Reformisten gehörten unter anderen Dschamal al-Afghani, Muhammad Abdu und Raschid Rida. Auch bei ihnen lässt sich der Islamismus als Phänomen der Moderne konkret nachweisen: Al-Afghani gilt beispielsweise nicht nur als ein geistiger Begründer des Islamismus, sondern auch Begründer der islamischen Moderne und liberaler Islamtheologe. Oder sein Weggefährte Muhammad Abduh, der den Islam als eine rationale Religion darstellte, die zu Wissenschaft und technischem Fortschritt nicht in Widerspruch stünde. Sie begründeten die Idee des Islamismus, die spätestens ab dem Auftreten der Muslimbruderschaft – der ersten islamistischen Massenbewegung – auch als politische Idee wirkmächtig wurde.

Auch wenn Muhammad Abdu das Amt des Großmufti von Ägypten bekleidete, standen die Reformisten mit ihren Ideen in krassem Gegensatz zur islamischen Tradition. Während die Ulema den Islam über die Jahrhunderte gewachsen ansieht und die Tradition der Rechtsschulen bejaht, lehnen Reformisten ganze vierzehn Jahrhunderte der islamischen Tradition weitgehend ab – insbesondere die Trennung der islamischen Welt in verschiedenen islamischen Rechtsschulen. Es ist deshalb nur bezeichnend, dass Islamisten bis heute oft aus technischen Berufen kommen und nicht aus dem traditionellen Gelehrtenstand (Ulema).

Islam und Islamismus

Der Islamismus ist wie alle Ideologien auf islamischer Basis – einschließlich den hier nicht ausgeführten Nasserismus und Panarabismus – im Gegensatz zum traditionellen Islam ein Phänomen der Moderne. Dieser Bruch mit der Tradition ist auch die wesentliche Trennschere zwischen historisch gewachsener Religion und moderner Ideologie. Drei Facetten der Moderne sollen hier ausgeführt werden:

Individualismus: Die Islamisten brachen mit der traditionellen Vorstellung, dass sich Muslime an den Regeln der etablierten Rechtsschulen orientieren müssten (Taqlid) und beriefen sich stattdessen auf eine selbstständige, individuelle Befähigung und Erlaubnis, den Koran und Sunna auszulegen. Diese als „Öffnung des Tores des Idschtihad“ bezeichnete eigenständige Urteilsfindung begründeten sie mit dem Vorwurf, die traditionellen, intellektuell erstarrten Rechtsschulen seien einerseits den modernen Anforderungen nicht gewachsen und andererseits nicht authentisch, da sie erst drei Jahrhunderte nach Mohamed entstanden seien. Die Ablehnung der Rechtsschulen ist eine Voraussetzung für die Vision einer Einigung aller Muslime unter einer ursprünglichen Form des Islam. Im traditionellen Islam wird hingegen die lange Tradition der verschiedenen Rechtsschulen anerkannt, was besonders deshalb wichtig ist, weil die Rechtsschulen den Islam im Laufe der Geschichte an die gesellschaftliche Realität angepasst und „entschärft“ haben. Durch sie wurde der Islam zu einer Facette neben anderen, während die Islamisten den Islam absolut setzen.

Rationalismus: Der Appell an die individuelle, rationale Erkenntnis des einzig wahren Islam steht im Gegensatz zur „Kultur der Ambiguität“ im traditionellen Islam. Islamische Gelehrte waren bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts der Überzeugung, dass Gottes Gesetze nicht eindeutig erkennbar seien und waren stolz darauf, mehrere Auslegungen zu vielen Koranversen zu wissen, ohne sich auf eine festzulegen. Deshalb habe man sich in der Geschichte der islamischen Welt stets bemüht, „drastische Leibstrafen zu vermeiden. In über 1000 Jahren vor dem späten 20. Jahrhundert gab es so gut wie keine Steinigung von Ehebrechern und schon gar keine Hinrichtungen wegen einvernehmlicher gleichgeschlechtlicher Handlungen.“ (BAUER Thomas: Die Vereindeutigung der Welt. Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt. S. 37)

Universalismus: Der erhobene Zeigefinger ist inzwischen zu einem Erkennungszeichen islamistischer Gruppen geworden. Damit wollen Islamisten nicht dem Westen drohen, wie oft fälschlich bescheinigt wird, sondern weisen auf den „Tauhid“, den absoluten Monotheismus im Islam hin. Während sich die islamische Tradition mit weltlichen Bereichen arrangierten, stecken Islamisten ihre ganzen missionarischen Eifer in die Verbreitung der einzig wahren Deutung des Islams im globalen Dschihad, der jeden Pluralismus negiert. Moderne Technik ermöglicht ihm totalitäre Visionen: Der Islam sei als allumfassendes Lebensprinzip überall durchzusetzen, nicht nur für das öffentliche Leben, sondern auch als alleiniger Maßstab für das private Leben. Wo die Scharia herrsche, seien alle Probleme gelöst.

Zusammenfassend:

Islamisten Ulema
Lehnt die verschiedenen Rechtsschulen ab und will die Einheit der Muslime unter dem einzig wahren IslamSteht in der Tradition der Rechtsschulen, die sich gegenseitig anerkennen und wird von der „Ulema“ getragen.
Lehnt Pluralismus ab und fordert die Ausrichtung des öffentlichen und privaten Lebens allein nach den Regeln der Scharia Hat sich im Laufe der Jahrhunderte mit der gesellschaftlichen Realität arrangiert und den Islam „entschärft“ 
Will den Islam durch individuelle Urteilsfindung modernisieren, ohne ihn zu verwestlichen Steht sowohl Verwestlichung als auch Modernisierung kritisch gegenüber
Bekämpft die islamische Tradition als Verfallserscheinung und beruft sich auf den Islam der „Altvorderen“Bejaht die islamische Tradition, ist historisch gewachsen und „entschärfte“ den Islam durch Anpassung

Die traditionelle Form des Islams ist der faszinierende Kern eines historisch gewachsenen Kulturraums, während der Islamismus die modernistische Absolutsetzung und politische Ideologie ist. Während der traditionelle Islam im Laufe der Jahrhunderte zu kulturellen Höchstleistungen anspornte, die ein wertvoller Teil der kulturellen Vielfalt sind, entfaltet der Islamismus – wie jede andere moderne Ideologie – seine zerstörerische Wirkung.

Der Islamismus ist eine modernistische Deutung des Islams, die jedoch im Gegensatz zur gewachsenen Tradition steht. Er ist eine Kampfansage an die jahrhundertealten Geschichte der islamischen Welt und Symptom einer Krise. Insbesondere in den letzten Jahrzehnten wurde er zu einer globalen Bedrohung. Um seine zwei Hauptströmungen – die Muslimbruderschaft und den Salafismus – soll es im nächsten Beitrag gehen.