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Die Umbrüche der Arbeitsgesellschaft

Die „Krise der Arbeitsgesellschaft“ (siehe Notiz 5) lässt sich nur aus dem starken Zusammenhang zwischen individueller Identität und Arbeit verstehen, der in ihr herrscht. Das Problem sind nicht die im Folgenden dargestellten Umbrüche, sondern ihre Auswirkung auf die Ausbildung einer personalen Identität – auf den Umgang des Einzelnen und der Gesellschaft mit diesen Folgen.

Qualitative Umbrüche: Der flexible Kapitalismus

Es ist ein Verdienst des amerikanischen Soziologen und Philosophen Richard Sennett, mit seinen zwei Büchern „Der flexible Mensch“ und „Die Kultur des neuen Kapitalismus“ auf den bedeutenden Strukturwandel des Kapitalismus in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hingewiesen zu haben. In „Der flexible Mensch“ widmete er sich der Frage, welche Auswirkungen der Wandel vom Fordismus hin zum flexiblen Kapitalismus auf den Charakter des Menschen hat. In „Die Kultur des neuen Kapitalismus“ rückte der Fokus mehr auf die Makroebene.

Die Grundlage für die Analysen von Richard Sennett stellt seine These dar, dass sich der Kapitalismus im 20. Jahrhundert von einem „industriellen Kapitalismus“ hin zu einem „flexiblen Kapitalismus“ gewandelt hat. Der „industrielle Kapitalismus“ zeichnete sich vor allem dadurch aus, dass das (Arbeits-)Leben stabil und langfristig planbar war:

„Jahr um Jahr gingen sie Arbeiten nach, die sich von Tag zu Tag kaum unterschieden.“

Die Menschen konnten davon ausgehen, dass sie ihr ganzes Leben in ein und denselben Unternehmen angestellt bleiben würden. Trotz ihrer Abhängigkeit hatten sie das Gefühl, selbst Autor einer eigenen Lebensgeschichte zu sein und ihre Karriere, der wichtigste Lebensentwurf in der Arbeitsgesellschaft, planen zu können.

Dem entgegen zeichnet sich der „flexible Kapitalismus“, den wir gegenwärtig erleben, nicht nur durch kleine Unterschiede aus, sondern ist in seiner gesamten Grundstruktur anders beschaffen. Er zeichnet sich nach Sennett durch drei Merkmale aus:

– Diskontinuierlicher Umbau von Institutionen: Damit meint Sennett, dass Unternehmen so entscheidend und unwiderruflich verändert werden, dass keine Beziehung zwischen ihrer Gegenwart und ihrer Vergangenheit mehr besteht. Das Management gehe vom Prinzip des „Reengineering“ aus, was vor allem in Personaleinsparungen zum Ausdruck käme. Praktiken wie der Gebrauch sogenannter SIMS-Software zur Überwachung der Angestellten, die „Ausdünnung“, die einer kleinen Zahl von Managern Kontrolle über eine größere Zahl von Angestellten gibt und die „vertikale Auflockerung“, welche einer kleinen Gruppe von Mitarbeitern mehr und verschiedenartigere Aufgaben zuweist, sind Teil solcher Reengineering-Pläne. Ausgelöst werden sie durch erwartete Effizienzsteigerungen, obwohl Umfragen zeigen, dass dieses Ziel nur selten erreicht wird und die meisten Umstrukturierungsmaßnahmen scheitern. Unter anderem für den Misserfolg verantwortlich sind Entlassungswellen, welche demotivierende Mitarbeiter zurücklassen. Nichts desto trotz bringt es einen Kapitalgewinn durch das Steigen der Aktien, die dadurch hervorgerufen werden, dass Veränderung stets als positiv bewertet werden.

– Flexible Spezialisierung der Produktion: Sennett thematisiert unter diesem Schlagwort, dass viele Unternehmen kurzfristig Marktnischen besetzen. Das stellt ein Gegenmodell zum Fordismus dar. Es geht dabei darum, eine breitere Produktionspalette in kürzerer Zeit auf den Markt bringen zu können. Dafür wird die Binnenstruktur eines Unternehmens zugunsten der sich ändernden Anforderungen der Außenwelt angepasst. Für den Arbeiter bedeutet das, dass er oft innerhalb eines Tages eine vollkommen andere Tätigkeit ausüben muss.

– Konzentration der Macht ohne Zentralisierung: Das dritte Merkmal ist, dass die Macht in einem Unternehmen nicht mehr räumlich zentriert ist, aber trotzdem konzentriert bleibt. Durch die technischen Möglichkeiten ist sie zugleich effizient und formlos. Die Dezentralisierung erweckt den Anschein, dass den Menschen auf den niedrigen Ebenen von Unternehmen mehr Kontrolle über ihr handeln gegeben wird. Das ist aber nur eine vorgegaukelte Freiheit, da die durch die Dezentralisierung hervorgebrachten Arbeitsgruppen häufig bewusst überlastet werden. Dasselbe gilt auch in Anbetracht von Konzernen: Das maßgebliche Mutterunternehmen lagert Aufgaben aus, behält die abhängigen Unternehmen jedoch fest im Griff. Diese dürfen sich zwar aussuchen, wie sie produzieren, aber in Anbetracht der nur schwer erreichbaren Ziele steigt der Druck. Die Zwänge sind dabei größer, als sie durch die normale Regulierung von Angebot und Nachfrage wären.

Diese drei Elemente des ökonomischen Denkens führen zu einer nachhaltigen Veränderung des Charakters der Arbeiter. Sie fördern einen Typus von Mensch, der keine langfristigen Bindungen aufbaut, bereit ist alles zu opfern und im Chaos erst so richtig aufblüht. Diese Menschen müssen sich problemlos von der eigenen Vergangenheit lösen können. Für die Frage nach der Identität spielen vor allem zwei Folgen dieses Strukturwandels eine Rolle:

– Unlesbarkeit: Noch in den 60er-Jahren war für einen Menschen leicht ablesbar, welche soziale Stellung er in der Gesellschaft innehatte. Sennett schreibt, dass diese vor allem aus Geschlecht und ethnische Herkunft resultierte, um hinzufügen, dass auch ein Fehlverhalten bei der Arbeit sich auf das Ansehen innerhalb der ethnischen Community auswirkte und deshalb Jeder auch als guter Arbeiter respektiert werden wollte. Die Flexibilisierung hat dazu geführt, dass die Aufgaben von Arbeitern heute oft wechseln. Eine Folge davon ist, dass Maschinen in der Benutzerfreundlichkeit so ausgerichtet sind, dass kaum mehr berufliche Kenntnisse für ihre Bedienung notwendig sind. Arbeiter bedienen nur noch vollautomatisierte Maschinen, haben aber kaum mehr handwerkliche Kenntnisse oder ein tieferes Wissen vom Produktionsprozess. Die Unfähigkeit, im Falle eines Maschinenausfalles das Problem selbst zu lösen, schlägt sich auch auf das Selbstwertgefühl der Arbeiter nieder. Vor allem aber fällt die Identifizierung mit dem Beruf zunehmend schwerer. Anstatt einer Empörung über diese Entfremdung vom eigenen Produkt, wie sie die klassisch marxistische Theorie prophezeite, sind die Arbeiter schlicht verwirrt und verstehen nicht mehr, welchen Sinn ihre geistlose Tätigkeit eigentlich hat und welche Rolle ihnen deshalb in der Gesellschaft zukommt.

– Diskontinuität: Eine zweite entscheidende Folge ist, dass die Arbeiter es kaum mehr schaffen, einen realistischen Lebensentwurf zu erstellen, geschweige denn ihn zu erreichen. Das Ende der lebenslangen Anstellung und die Unmöglichkeit einer Laufbahn innerhalb einer einzelnen Institution durchkreuzen jede Planung. Aus dem lebenslangen Berufen wurden kurzweilige Jobs. Wie Nomaden folgen die Arbeiter den freigewordenen Stellen und es stellt sich die Frage, wie langfristige Ziele in einer Ökonomie verfolgt werden können, die auf Kurzfristigkeit angelegt ist.

„Die Bedingungen der neuen Wirtschaftsordnung befördern vielmehr eine Erfahrung, die in der Zeit, von Ort zu Ort und von Tätigkeit zu Tätigkeit driftet. Wenn ich Ricos Dilemma [eine Beispielfigur Sennetts] weiter fasse, so bedroht der kurzfristig agierende Kapitalismus seinen Charakter.“

Identität ist nicht nur eine Erzählung von der Vergangenheit, sondern umfasst auch die Ziele und Wünsche einer Person für die Zukunft, die im flexiblen Kapitalismus vor dem Hintergrund einer allgegenwärtigen Drohung, „ins Nichts zu fallen, ‚nichts aus sich machen zu können’, das Scheitern daran, durch Arbeit eine Identität zu erlangen“, stehen.

Diese zwei Folgen des flexiblen Kapitalismus, dass die Menschen ihre soziale Stellung und den Sinn ihrer Arbeit kaum mehr ablesen können, sowie die Unmöglichkeit durch Arbeit eine Karriere zu planen, machen es für die Menschen zunehmend schwerer, ihre personale Identität anhand ihrer Erwerbsarbeit zu entwickeln.

Quantitativer Umbruch: Vom „Ende der Arbeit“

Bis zur Neuzeit stellte die stetige Veränderung des Arbeitsvolumens kein Problem für die Menschen dar. Die mittelalterlichen Institutionen konnten sich ohne größere Probleme am Rhythmus der Notwendigkeit ausrichten.

Mit dem Entstehen der Manufakturen und Fabriken war dies nicht mehr so einfach möglich. Die hohen Investitionskosten der Maschinen rentierten sich nur, wenn sie möglichst rund um die Uhr mit abwechselnder Belegschaft betrieben wurden. Das führte zu einem steigenden Arbeitskräftebedarf, den die Industrie mit Arbeitskräften deckte, an die sie keine hohen Anforderungen stellte. Dieser steigende Arbeitskräftebedarf sorgte dafür, dass u.a. die Armen in den Fokus gerieten, die bis dahin akzeptiert mitversorgt wurden. Nach der mittelalterlichen, christlichen Lehre waren die Armen nämlich für die Reichen notwendig, damit diese das Seelenheil erlangen konnten. Diejenigen, welche nicht arbeiteten, wurden nun im Gegensatz zur mittelalterlichen Anschauung immer mehr als „faul“ und an ihrem Schicksal „selbst Schuld“ betrachtet.

1712 wurde die erste Dampfmaschine zum Abpumpen von Wasser in Bergwerken eingesetzt und 1785 der erste voll mechanisierte Webstuhl in Betrieb genommen. Seitdem stieg die Produktivität der Arbeitskraft in schwindelerregende Höhen und eine technische Errungenschaft folgte der nächsten. Doch selbst im fortgeschrittenen Stadium bedeutete diese Entwicklung keinesfalls unbedingt eine Minderung des Arbeitskräftebedarfs. Wo Maschinen menschliche Arbeitskräfte ersetzten, mussten Maschinen gebaut und Menschen für sie ausgebildet werden. Das schuf Arbeitsplätze auf höherer Ebene.

Zunächst fand im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts ein Strukturwechsel der europäischen Gesellschaften von Agrar- zu Industriegesellschaften statt. In den 1940ern war Jean Fourastié einer der ersten, der angesichts der fortschreitenden Rationalisierung den weiteren Wandel zu Dienstleistungsgesellschaften voraussah und sie als „die Große Hoffnung des 20. Jahrhunderts“ bezeichnete. Denn die Rationalisierung schritt unermüdlich voran, was vor allem den Industriesektor betraf. Fourastié ging davon aus, dass dies im Dienstleistungssektor nicht möglich sei – eine Annahme die spätestens die digitale Revolution widerlegte.

Während vor der Einführung des maschinenbetriebenen Fließbandes im Jahr 1913 noch zirka zwölf Arbeitsstunden zur Produktion eines Ford’schen Automodells „Tin Lizzy“ eingesetzt werden mussten, waren es nach Einführung des Fließbandes nur noch 93 Minuten. Die Herstellung eines Personenkraftwagens im Volkswagen-Konzern Anfang der 1990er-Jahre dauerte durchschnittlich 167 Stunden, zehn Jahre später nur noch die Hälfte der Zeit. Auch in der zunehmend industrialisierten Landwirtschaft bedeutet das Ausbringen junger Weinstocksetzlinge keine wochenlange mühselige Kleinarbeit wie in den 1980ern mehr, sondern ganze Weinberge lassen sich heute in wenigen Stunden unter Einsatz von lasergesteuerten Setzmaschinen bepflanzen. So scheint der Bedarf an industriellen Arbeitskräften durch die Verwendung immer „intelligenterer“ Maschinen tatsächlich gegen Null zu tendieren. Die entstehenden menschenleeren Fabriken vielerorts zeugen davon.

Am Beginn der 1980er-Jahre entzündete sich deshalb im deutschsprachigen Raum die Debatte um das „Ende der Arbeit“, der eine berühmte Diagnose von Hannah Arendt in „Vita activaoder Vom tätigen Leben“ vorangegangen war. Das Erwerbsarbeitsvolumen sank seit den 1880ern um beinahe zwei Drittel, die allgemeine Freizeit der Erwerbstätigen versechsfachte sich, die durchschnittliche Lebensarbeitszeit halbierte sich. John Maynard Keynes Prognose in seinem berühmten Aufsatz „über die wirtschaftlichen Möglichkeiten unserer Enkelkinder“ (1930/2007), wonach in der Zukunft die Menschen nur noch drei Stunden am Tag arbeiten müssen, scheint sich verwirklichen zu können.

Zu diesem Rationalisierungsprozess kommen weitere Faktoren hinzu, die das verfügbare Arbeitsvolumen pro Arbeiter reduzierten. So hat die Frauenemanzipation ein unglaubliches Maß an zusätzlicher Arbeitskraft zur Verfügung gestellt und die Migration von Fabriken in Niedriglohnländer einen beachtlichen Teil des Arbeitsvolumens ausgelagert. Das führte zur „Krise“ der Dauerarbeitslosigkeit, also dem dauerhaften Missverhältnis zwischen der Nachfrage an Erwerbsarbeit und dem Angebot an bezahlbaren Arbeitsplätzen.

Jedoch ist Keynes Prognose einer Verteilung des Arbeitsvolumens auf je drei Stunden nicht eingetreten, sondern eine Situation, die Richard Sennett in einem Interview so beschreibt:

„Einige arbeiten bis zum Umfallen und werden krank deshalb, andere, wie etwa viele junge Menschen in Spanien, sind arbeitslos.“

Aktuelle Zahlen für Österreich bestätigen dieses Bild: 310.880 Menschen sind „arbeitslos“, weitere 56.642 Menschen befinden sich in „Schulungen“ (was mehr eine Maßnahme ist, damit diese Menschen nicht in die Arbeitslosenstatistik fallen).[1] Gleichzeitig sind nach Schätzungen 1,1 Millionen Menschen in Österreich Burnout-gefährdet.[2]

Da die Produktionsraten offenkundig nicht ins unendliche getrieben werden können, scheint eine Rückkehr zur Vollbeschäftigung unter gleichbleibenden Arbeitsbedingungen illusorisch. Dass ein großer Teil der Bevölkerung daher dauerhaft von einer Erwerbsarbeit ausgeschlossen ist, muss als Faktum anerkannt werden. Das hat auch Folgen für die personale Identität der Betroffenen. Denn eine Gesellschaft, die sich als „Gesellschaft der Produzierenden“ versteht, schafft damit gleichzeitig ein Problem für die Selbstverortung arbeitsloser Menschen – ein „Gespenst der Nutzlosigkeit“ und eine soziale Heimatlosigkeit, wie sie Zygmunt Bauman in „Verworfenes Leben“ beschreibt. Die Menschen haben Arbeit zu so einem wichtigen Faktor für ihr Leben gemacht, dass daneben alles andere verblasste. Hannah Arendt umschrieb das Problem in „Vita activa“ wie folgt:

„Was uns bevorsteht, ist die Aussicht auf eine Arbeitsgesellschaft, der die Arbeit ausgegangen ist, also die einzige Tätigkeit, auf die sie sich noch versteht. Was könnte verhängnisvoller sein? […] Es ist ja eine Arbeitsgesellschaft, die von den Fesseln der Arbeit befreit werden soll, und diese Gesellschaft kennt kaum noch vom Hörensagen die höheren und sinnvolleren Tätigkeiten, um derentwillen die Befreiung sich lohnen würde.“

[1] http://oesterreich.orf.at/stories/2724535/ (03.8.2015, zuletzt abgerufen am 03.11.15).

[2] http://www.gmx.at/magazine/geld-karriere/arbeit-oesterreich/burnout-land-oesterreich-ausgebrannt-fuehlen-30206588 (13.11.14, zuletzt abgerufen am 03.11.15).

Die Genealogie der Arbeitsgesellschaft

Die letzten zwei bis drei Jahrhunderte in der Geschichte Europas waren geprägt durch tiefgreifende Veränderungen, die das Bild Europas vollkommen veränderten. Dabei handelte es sich nicht nur um technisch-ökonomische Veränderungen, die durch die Industrialisierung hervorgerufen wurden, sondern mit dem Eintreten in die Moderne auch um geistesgeschichtliche Veränderungen. Aus allen europäischen Agrargesellschaften wurden in dieser Zeit Industriegesellschaften, deren Bevölkerungen nicht mehr vorwiegend durch ein bäuerliches Dasein geprägt sind, sondern zuerst als Zwischenschrift durch das des Industriearbeiters und letztlich des Dienstleisters.

„Maschinensklaven“ verrichten inzwischen viele produktive Tätigkeiten, die vorher mühsam von Menschenhand erledigt werden mussten und das vorhandene Arbeitsvolumen ist stetig gesunken, so dass ein großer Teil der Bevölkerung heute überhaupt keiner Erwerbstätigkeit mehr nachgehen muss oder – im Jargon der Gegenwart – kann. Ein Athener aus dem antiken Griechenland, der mit dem Phänomen der Arbeitslosigkeit konfrontiert würde, könnte das Problem dahinter nicht verstehen: „eine Wohlstandswelt mit Luxus und Gütern umstellt, mehr als wir aufessen und aufbrauchen können, und hochleistungsbereiter Maschinen-Sklaven, die für uns die Arbeit tun. Und dennoch sind Heulen und Zähneknirschen allgemein“.[1] Wie es dazu gekommen ist, dass die Menschen die Befreiung vom Arbeitszwang bedauern, ist nur mit einem Blick auf die Entwicklungsgeschichte der Arbeitsgesellschaft zu verstehen.

Für nahezu alle Kulturen der Vergangenheit galt, dass nur die führenden Schichten vom Zwang zur Arbeit freigestellt waren. Dieser Elite waren politisch-religiöse Aufgaben vorbehalten, sie übte sich im Wettkampf und dem Spiel, den Wissenschaften und den Künsten. Kurz, den Mußetätigkeiten. Arbeit hingegen war eine Sache der breiten Masse. Doch selbst in den „primitiven“ Gesellschaften wurde täglich kaum mehr als drei oder vier Stunden gearbeitet. Anstatt mehr zu arbeiten, um immer höhere Bedürfnisse befriedigen zu können, wurden die Bedürfnisse eingeschränkt, womit der Nicht-Arbeit ein klarer Vorzug gegenüber dem Anhäufen von Gütern zugewiesen wurde.

In der Antike wurde Arbeit sogar verachtet, weil es als eine Unterwerfung gegenüber der Notwendigkeit angesehen wurde und daher nur eine Sache für Sklaven war. Bei Athen handelte es sich wahrscheinlich um die erste bewusste Muße- und Tätigkeitsgesellschaft in der Geschichte der Menschheit.

Das Christentum setzte schließlich eine Änderung dieser Sichtweise in Gang. Schon im ersten Buch Moses wird der instrumentelle Charakter der Natur mit dem Satz „Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan“ betont und eine Legitimität von Arbeit aufgebaut. Paulus verschärfte diese Sichtweise auf die Arbeit noch: „Wer nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen“. Damit bekam Arbeit endgültig eine moralische Bedeutung. Eine Ansicht, die sich über das ganze Mittelalter hindurch erhalten sollte.

Arbeit wurde einerseits als Mühe und Last und als Fluch und Strafe Gottes empfunden, zugleich aber auch als Auftrag, den es zu erfüllen galt, wollte man ewiges Heil erlangen. Das Verständnis von Arbeit spaltete sich. Nicht mehr die Arbeit galt als etwas Negatives, sondern die mit der Arbeit verbundene Mühsal, Pein und Last. Der Auftrag Gottes zu arbeiten, wurde als Selbstverständlichkeit und nicht schon als an sich negativ betrachtet. Arbeit war eine Teilnahme am Schöpfungswerk Gottes, zu der man berufen sei – eine „Berufung“.[2] Dieses Verständnis, durch Arbeit der eigenen Bestimmung gerecht zu werden, wurde zur Grundlage der späteren Berufsarbeit, die von einem eigenen Berufsethos getragen wurde.

Die mittelalterlichen Zünfte zeugen von diesem Verständnis und auch davon, dass Arbeit noch nicht im Lichte eines Zweck-Mittel-Verhältnisses gesehen wurde. Eine strikte Trennung von „Freizeit“ und „Arbeitszeit“ kannte das Mittelalter nämlich noch nicht. Nicht zuletzt wurde dort gearbeitet, wo auch der Rest des Tages verbracht wurde. Die Grenzen zwischen Arbeit und Nicht-Arbeit waren somit fließend und keineswegs klar umgrenzt. So waren auch die Zünfte ganzheitlich organisiert. Sie waren nicht nur wirtschaftliche Zusammenschlüsse städtischer Handwerker, sondern gleichzeitig auch Wehrverbände, Bruderschaften und religiöse Gemeinschaften. Diese Ganzheitlichkeit des Berufes begründete seine hohe Bedeutung für die soziale Integration der Gesellschaft. Die jeweiligen Berufe hatten einen eigenen Habitus, eigene Traditionen und festliche Gepflogenheiten und trugen somit auch dazu bei, dass die Auswirkungen eines reinen Abstellens auf Produktivität gedämpft wurden.

Dies änderte sich mit dem Auftreten der Manufakturen und Fabriken, die zu einer Trennung von Arbeitsort und Haushalt in der Neuzeit führten. Diese Teilung war folgenreich: man arbeitete nun, um die persönlichen Bedürfnisse zu befriedigen, die sich von der Arbeit unterscheiden ließen. Es kam zu einem Zweck-Mittel-Verhältnis, zur Erwerbsarbeit. Arbeit wurde zum Produktionsfaktor und zur wertschöpfenden Ressource.

Natürlich wurde auch zuvor schon der hervorbringende, werkgenerierende und wertschöpfende Aspekt der Arbeit betont. Die theoretische Verortung der Arbeit blieb bis dahin allerdings eher auf spezifisch soziale und kulturelle Aspekte bezogen: in der Antike auf die Bildung des idealen Gemeinwesens und die Stärkung der menschlichen Tugenden und im Mittelalter auf Gottesdienst, Buße für irdischen Frevel oder Abgabendienst für die gesellschaftlich Mächtigen.[3]

Erst als mit dem Aufkommen von Staaten wie England, Frankreich, den Niederlanden und Spanien der Frage nach dem „nationalen Wohlstand“ Bedeutung zukam, begann sich die Aufmerksamkeit auf die ökonomischen Aspekte der Arbeit zu richten. Bezeichnend ist vor allem das Bürgertum, das ab dem 18. Jahrhundert zunehmend Kritik am „unproduktiven“ und „parasitären“ Wesen der aristokratischen Lebensweise übte.

Der steigende Arbeitskräftebedarf durch die Manufakturen und Fabriken sorgte dafür, dass jeder einen Teil zur Produktion beitragen sollte und die nicht-arbeitende Bevölkerung zunehmend als „faul“ galt. Ein frühes Beispiel für diese Beziehung zwischen Armut und Faulheit findet sich bereits in der 1516 erschienenen Schrift „Utopia“ von Thomas Morus, in der den Adeligen, die „müßig wie die Drohnen von anderer Leute Arbeit leben“, die „kräftigen und gesunden Bettler“ zur Seite gestellt wurden, „die alle möglichen Krankheiten zum Vorwand ihres Müßiggangs nehmen“.[4]

Wichtig war auch die Kritik von Martin Luther an der monastisch-klerikalen „vita contemplativa“. Indem Martin Luther sie als bloßen egoistischen Müßiggang abtat, welche die Pflicht zur Arbeit verletzte, kritisierte er nicht nur die Existenzweise des katholischen Klerus, sondern verhalf damit auch gleichzeitig der „vita activa“, der weltzugewandten und schaffenden Betätigung, zu neuem Ansehen. [5] Erstaunlich ist, dass ausgerechnet die niedrigste Tätigkeit der „vita activa“, die Arbeit, nun zur bedeutendsten wurde. Die Geburtsstunde des Kapitalismus.

Um ein Verständnis für die Auswirkungen des Bedeutungswandels von Arbeit zu entwickeln, ist es wichtig, ihn vor dem Hintergrund der „Entdeckung des Individuums“ zu sehen. Denn mit der neuen Vorstellung vom Individuum ging nicht nur eine Aufwertung des Einzelnen zu Lasten des Kollektiven einher, sondern auch eine starke Änderung in den Identifikationsbeziehungen des Einzelnen. Während zuvor die gesellschaftlichen Untergruppen wie die Stände das Ausschlaggebende bei der Ausbildung einer personalen Identität waren, veränderten sich durch die zunehmende Heterogenität der traditionellen Gesellschaft auch die Konstitutionsbedingungen individueller Identitäten. [6] Identität verstanden als „das Selbstverständnis des Menschen […], ein Bewusstsein von den bestimmten Merkmalen, durch die sie zu Menschen werden“ und als wichtiger  Rahmen, „in dem unsere Vorlieben, Wünsche, Meinungen und Strebungen Sinn bekommen.“[7]

Die individualisierte Identität war nichts mehr, was man leicht von außen ablesen konnte, sondern was man in sich entdecken musste. Diese im Individuum selbst angelegte Identität kann aber auch nicht monologisch entstehen. Es bedarf eines „signifikant Anderen“, mit dem man in einen Dialog tritt. Dieser friedliche oder kämpferische Austausch in Kombination mit der je eigenen Selbstdeutung führt zur Entwicklung einer eigenen personalen Identität.

Da die personale Identität nun nicht mehr von außen durch ein relativ starkes Netz an sozialen Gruppen abgeleitet war, bestand von nun an die Notwendigkeit der Anerkennung im Dialog mit dem Anderen. Es ist mehr als nur ein Zeichen des Respekts gegenüber dem Anderen, seine Identität anzuerkennen. Sie ist ein Grundbedürfnis des Menschen und eine Voraussetzung für eine gelungene Identitätsbildung. Ein Phänomen, das überhaupt erst mit der Moderne auftreten konnte, da erst ab diesem Zeitpunkt die personale Identität fraglich wurde und scheitern konnte.

Karl Marx hat mit seinen Worten , „alles Stehende und Ständische verdampft“ und „alles Heilige wird entweiht“ angezeigt, dass sich die Marker für eine gelungene Identitätsbildung verändert hatten. Das Religiöse und Ständische trat in den Hintergrund, Faktoren wie die ökonomische Stellung und die nationale Zugehörigkeit nahmen an Bedeutung zu und flossen auch in die neu entstehenden Ideologien ein. Marx schrieb etwa über die Stellung des Individuum im Produktionsprozess: „Was sie [die Individuen] sind, fällt also zusammen mit ihrer Produktion, sowohl damit, was sie produzieren, als auch damit, wie sie produzieren. Was die Individuen also sind, das hängt ab von den materiellen Bedingungen ihrer Produktion.“[8]

Der Zerfall der mythisch-religiösen Welterschließung rückte den materiellen Produktionsprozess ins Zentrum und Erwerbsarbeit wurde zum wichtigsten Marker für die personale Identität. Damit kam es im letzten Schritt zur Herausbildung der bis heute anhaltenden „Arbeitsgesellschaft“, das heißt, der Gesellschaft, „in der die Verteilung der gesellschaftlichen Güter, der Lebenschancen, des gesellschaftlichen Ansehens und des individuellen Selbstwertgefühls […] weitgehend über die Erwerbsarbeit geregelt ist.“[9] Arbeit verlor den Charakter als Mittel und wurde selbst zu einem wichtigen Zweck, von dem aus andere Facetten des Leben gedeutet wurden. Der Traditionalist Julius Evola erkannte dies bereits in den späten 1920ern:

„Fragt man die Millionen zwischen die Maschinen und Büros Eingesperrten nach einem Warum, nach einer Rechtfertigung […] so wird man keine Antwort bekommen. Aber steigt man wieder hinauf und fragt man bei den ‚Wirtschaftsführern’, bei den Erfindern, bei den Herren des Stahls, der Kohle, der Petroleums, der Völker (haben wir nicht gesehen, daß das politische Problem heute im Begriff ist, sich auf das wirtschaftliche zu beschränken?), des Goldes – wieder keine Antwort. Die Mittel zum Leben haben die Oberhand über das Leben bekommen, ja, sie haben es sogar zu ihrem Mittel heruntergedrückt. Und so bricht die große Dunkelheit über die Lichter der herrlichen Illusionen und monströsesten Mythos ankündigt: dem Mythos von der Arbeit um der Arbeit willen, von der Arbeit als Selbstzweck, als Eigenwert und als Allgemeinpflicht.“[10]

Das Aufgreifen des alten Paulus-Satzes „Wer nicht arbeitet, der soll nicht essen“ durch Hitler und Stalin waren der ins Extreme getriebene Gipfel dieser neuen Ideologie der Arbeit. Trotz dem Ende dieser zwei Ideologien blieb Erwerbsarbeit auch weiterhin der zentrale Marker zur Identitätsbildung in der westlichen Welt. Wer wir sind, leiten wir davon ab, welche Rolle uns im Produktionsprozess zukommt. Wie weit dies der Fall ist, zeigt sich bereits bei den Denk- und Phantasieverboten der Kleinsten:

„Der unkindliche Ernst, das völlige Fehlen einer eigenständigen Phantasiewelt des Kindes spiegeln sich besonders kraß in den Standardantworten auf die Allerweltsfrage: ‚Was willst Du einmal werden?’ Wer hat je die Vierjährige getroffen, die Schneekönigin sein möchte […] Nein, die harten Antworten: ‚Stewardess’ oder ‚Lokomotivführer’, ‚Pilot’ oder ‚Feuerwehrhauptmann’, sie kommen wie aus der Pistole geschossen.“[11]

Diese Ausrichtung auf die Erwerbsarbeit bedeutet auch, dass nur Derjenige anerkannt wird, der auch produktiv im Sinne der Erwerbsarbeit ist. Jede westliche Gesellschaft definiert sich sohin auch als „Gesellschaft der Produzierenden“.[12] Nach dem Namen fragt man sogleich nach dem Beruf, bei jedem Studium stellt jemand sofort die Frage, „was man denn später damit machen kann“ und Freizeit wird zur Erholung von der Arbeit. Wo jemand aus dem Rahmen der „Gesellschaft der Produzierenden“ fällt, entstehen Probleme, die eigene Identität zu definieren. Die Betroffenen sind marginalisiert und können das Grundbedürfnis ihres Menschseins nach Anerkennung nicht erfüllen.

Alleine die Semantik des Begriffes „Arbeitslosigkeit“ bezeichnet offensichtlich einen vorübergehenden und anomalen Zustand. Der Begriff erhält sein Gewicht aus der Selbstwahrnehmung der Gesellschaft, die ihre Mitglieder vor allem als produktiv tätige Wesen wahrnimmt. Die Arbeitsgesellschaft kann definiert werden dadurch, dass Erwerbstätigkeit der Schüssel zur Entwicklung einer gesellschaftlich anerkannten personalen Identität ist. Danièle Linhart formulierte es so:

„Diese Männer und Frauen verlieren nicht nur ihre Arbeit, ihre Zukunftsprojekte, ihre Orientierungspunkte, das sichere Gefühl, den eigenen Lebenslauf steuern zu können; sie sehen sich auch ihrer Würde als arbeitende Menschen beraubt, verlieren ihr Selbstwertgefühl, das Gefühl, nützlich zu sein und in dieser Gesellschaft einen fest eigenen Standort zu haben.“[13]

[1] GUGGENBERGER Bernd: Arbeit und Lebenssinn. Die Identität der Gesellschaft nach dem Ende der traditionellen Arbeitsgesellschaft. IN: BRIESKORN Norbert / Johannes WALLACHER (Hrsg.): Arbeit im Umbruch. Sozialethische Maßstäbe für die Arbeitswelt von morgen. Stuttgart-Berlin-Köln 1999, S. 124.

[2] FÜLLSACK Manfred: Arbeit. Wien 2009, S. 37.

[3] FÜLLSACK Manfred: Arbeit. Wien 2009, S. 47.

[4] FÜLLSACK Manfred: Arbeit. Wien 2009, S. 54.

[5] FÜLLSACK Manfred: Arbeit. Wien 2009, S. 56.

[6] ROSANVALLON Pierre: Die Gesellschaft der Gleichen. Aus dem Französischen von Michael Halfbrodt. Hamburg 2013, S.30-32.

[7] TAYLOR Charles: Die Politik der Anerkennung. IN: Taylor Charles: Multikulturalismus und die Politik der Anerkennung. Frankfurt am Main 1993, S. 23.

[8] MARX Karl / Friedrich ENGELS: Die deutsche Ideologie. Berlin 1969, S. 21.

[9] HAEFFNER Gerd S.J.: Elemente einer Anthropologie der Arbeit. IN: BRIESKORN Norbert / Johannes WALLACHER (Hrsg.): Arbeit im Umbruch. Sozialethische Maßstäbe für die Arbeitswelt von morgen. Stuttgart-Berlin-Köln 1999, S. 18.

[10] EVOLA Julius: Heidnischer Imperialismus. Leipzig 1933, S. 61.

[11] GUGGENBERGER Bernd: Arbeit und Lebenssinn. S. 127.

[12] BAUMAN Zygmunt: Verworfenes Leben. Die Ausgegrenzten der Moderne. Hamburg 2005, S.23.

[13] ebda.