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Familie – Eine gewachsene Einzigartigkeit

Homosexuellen-Ehe, Patchwork-Familie, Kindererziehung – längst tobt die Diskussion darüber, was „Familie“ ist und wie sie künftig aussehen soll. Während Linke die bürgerliche Kleinfamilie als Hemmnis der „Pluralisierung“ zerstören wollen (oder als „Keimzelle des Faschismus“, wie es auf einem Plakat gegen die Wiener Akademikerball stand) , stehen Rechte abseits der aktuellen Debatte und berufen sich auf deren „Natürlichkeit“. Hier: Ein konstruktivistischer Zugang zum Thema Familie.

„Mann, Frau und ihre Kinder, so hat es die Natur vorgesehen“ oder „Familie als Gemeinschaft von Mann und Frau mit gemeinsamen Kindern als natürliche Keimzelle“ – so oder so ähnlich lautet das gängige Argument rechter Kreise gegen die „Pluralisierung der Lebensformen“. Aus einer Natürlichkeit der bürgerlichen Kleinfamilie wird mit universalistischem Anspruch die Unnatürlichkeit anderer Familienmodelle geschlossen.

Familie: eine anthropologische Konstante?

Tatsächlich versuchten viele Forscher, zumindest die Kernfamilie als urwüchsiges und universales Grundmuster des Menschen zu belegen. Mit „Kernfamilie“ werden im Gegensatz zur „Kleinfamilie“ zwar ebenfalls Mann, Frau und leibliche Kinder bezeichnet, aber eine Kernfamilie mit zehn Kindern wäre keine Kleinfamilie mehr. Bei diesen Forschungen hat sich herausgestellt, dass selbst die Kernfamilie eben kein über alle Kulturen hinweg bestehendes menschliches Grundmuster von Gesellschaften ist.

Außer der Mutter-Kind-Beziehung unterliegen nämlich alle familiären Beziehungen – die Gatten-Beziehung, die Vater-Kind-Beziehung und die Geschwister-Beziehung – sozioökonomischen und kulturellen Bedingungen. Oder kurz: Sie unterscheiden sich von Kultur zu Kultur. Wenn man den Fehler vermeidet, die eigene Kultur als die einzig „richtige“ darzustellen, dann kann die Kernfamilie deshalb nicht die „natürliche“ Keimzelle menschlicher Gesellschaften sein, wie sie Rechte gerne darstellen. Folgende zwei (verkürzte) Beispiele sollen dies verdeutlichen:

Ein für uns ungewöhnliches Bild zeigten die Nayar in Indien. Hier gingen Frauen eine rein formelle Beziehung mit dem Mann ein. Diese verlieh dem Mann das Recht, die Nacht mit der Frau zu verbringen, legte ihm jedoch keinerlei wirtschaftliche Verpflichtungen auf. Wurde die Frau schwanger, musste der Mann zwar die Vaterschaft anerkennen, das übertrug ihm jedoch keinerlei Pflichten: Weder als Ernährer, noch als Erzieher des Kindes. Die üblichen Vaterverpflichtungen übernahmen die Brüder der Mutter oder die älteren Söhne der Schwester der Mutter. Der Mann führte zwar eine (sexuelle) Partnerschaft mit der Frau, doch keinen gemeinsamen Haushalt.

Umgekehrt war die Rolle des Vaters im Alten China dominierend. Charakteristisch war das Ideal von Familien aus drei Generationen in einem Haus. In manchen Fällen konnte die Genealogie bis zu 25 Generationen zurückverfolgt werden. Bei der Heirat wurde die Frau aus ihrer bisherigen Verwandtschaftsgruppe ausgestoßen und galt von nun an als Mitglied der Blutsverwandtschaftsgruppe ihres Ehemanns – sogar inklusive Inzesttabu. Die Traditionslinie verlief ausschließlich über die Vater-Sohn-Beziehung. Während sich die Söhne als Träger der genealogischen Erbfolge der absoluten Herrschaft des Vaters zu unterwerfen hatten, wurden die Töchter als Belastung angesehen und sollten rasch verheiratet werden.

Historisch gewachsene Einzigartigkeit

Die Behauptung der universalen Natürlichkeit der westeuropäischen Familie hält einer vergleichenden Überprüfung nicht stand. Stattdessen muss man das westeuropäische Familienbild als ein Phänomen begreifen, das historisch und kulturell bedingt und so einmalig ist, wie unsere Geschichte selbst. Auch in dieser Geschichte ist die bürgerliche Kleinfamilie ein sehr junges Phänomen. Sie entstand erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts mit der Industrialisierung und Entwicklung des Bürgertums. Sie hat aber auch ein alteuropäisches Erbe.

Denn Erstens ist das Christentum ein wesentlicher Faktor bei der Formierung unseres Familienbildes. Erst das Christentum hat die monogame Ehe gefestigt und das patrilineare Verwandschaftssystem in ein bilineares verändert. Durch das Christentum wurde die Ehe nicht nur zur „geistigen Beziehung“, sondern sogar zum heiligen Sakrament. Zweitens wurzelt unser Familienbild in der westeuropäischen, bäuerlichen Familie. Diese war stets eine Kernfamilie, wobei Brüder und Schwestern des Hoferben neolokal „ausheiraten“ mussten. Die daraus resultierende „Gesindephase“ etablierte eine Jugendphase und führte so zu einer späten Heirat. Dieses Modell ist im interkulturellen Vergleich einzigartig!

Mit der Industrialisierung wurde die Kernfamilie schließlich zur Zone von Privatheit und Intimitität (Arbeits- und Wohnräume trennen sich), die Familienbeziehungen wurden sentimentalisiert (auch „Kindheit“ entsteht erst hier!) und die Familienrollen neu zugeschrieben. In diesem Veränderungsprozess setzt sich die bürgerliche Kleinfamilie durch und wird zum Ideal, das es bis heute geblieben ist. Auch heute, trotz der tiefgreifenden Veränderungen in den letzten Jahrzehnten, entspricht die inzwischen als „traditionelle Familie“ bezeichnete Form dem Lebenswunsch der meisten jungen Menschen: Ein verheiratetes Elternpaar sowie die Haushaltsgemeinschaft mit den leiblichen, unmündigen Kindern.

Aufgabe des Staates?

Unser Familienbild ist also nicht natürlicher als andere, sondern eine historisch gewachsene Eigentümlichkeit unserer Identität. Nicht der universalistische Anspruch, mit unserem Modell „der Natur zu entsprechen“, sondern unsere Einzigartigkeit in der Vielfalt ethnokultureller Möglichkeiten macht uns zu dem, der wir sind. Daraus folgt auch die für manche unangenehme Realität: so wie die Familie bisher der geschichtlichen Entwicklung unterworfen war, wird sie sich auch unaufhaltsam weiterhin verändern und an sozioökonomische und kulturelle Bedingungen anpassen.

Doch wird müssen uns gleichzeitig vor denen hüten, die glauben ein bewusstes „family building“ betreiben zu können. Denn die Familie ist der Kern unserer sozialen Beziehungen, welche die Basis unserer ethnokulturellen Identität bilden. Man kann keine Karte entfernen, ohne dass das Kartenhaus insgesamt zusammenstürzt. Eine ganze Reihe von unerwarteten Folgen könnten unseren Hort von Geborgenheit und Sicherheit, unser zentrales Mittel zur Erziehung von Kindern und vieles mehr zerstören.

Die Aufgabe des Staates besteht deshalb darin, dieses gewachsene Familienmodell durch die staatliche Ehe zu fördern und auf kulturelle und ökonomische Veränderungen so zu reagieren, dass eine behutsame Entwicklung stattfinden kann. Stures Festhalten oder bewusste „Kulturrevolutionen“ führen nur dazu, dass die Beziehung zur Lebensrealität verloren geht und wir etwas verlieren, das uns als Menschen in unserer je besonderen Art auszeichnet.

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Samuel P. Huntington: Kampf der Kulturen

Der polnische Innenminister warnt vor einem „Kampf der Kulturen“. Der Chefökonom der Industriellenvereinigung versichert angesichts der Entwicklung von China und Indien: „2030 werden wir in einer multipolaren Welt angekommen sein“. Und der Konflikt zwischen EU und Türkei spitzt sich weiter zu. Für Viele kommen diese Entwicklungen überraschend – Andere haben das großartige Werk „Kampf der Kulturen“ von Samuel P. Huntington gelesen.

Zur Person: Huntington wurde 1927 in New York geboren und war Professor für Politikwissenschaften sowie Leiter des John-M.-Olin Institut für Strategische Studien an der Harvard University. Außerdem war er Mitbegründer der Zeitschrift „Forign Affairs“ und Berater des US-Außenministerium. Berühmt wurde er wegen dem Werk „The Clash of Civilisations and the Remaking of World Order“, das 1996 erschien und in 26 Sprachen übersetzt wurde.

Das Ende des Kalten Krieges

Huntington argumentiert darin, dass (nach dem Untergang des Faschismus/Nationalsozialismus) die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts vom Kampf zwischen Kommunismus und Liberalismus geprägt war. Die zwei Ideologien wurden von zwei Supermächten verkörpert, deren Identität über ihre jeweilige Ideologie definiert wurde und die beide keine Nationalstaaten im traditionellen Sinne waren. Nachdem schließlich auch der Kommunismus implodierte, jubelte etwa Francis Fukuyama über das „Ende der Geschichte“ und den Sieg des Liberalismus: „Was wir heute erleben ist vielleicht das Ende der Geschichte als solcher, das heißt der Endpunkt der ideologischen Evolution der Menschheit und die Universalisierung der westlich-liberalen Demokratie als definitiver Regierungsform des Menschen.“ 

Doch Fukuyama hatte sich getäuscht – nicht die Geschichte war zu Ende, sondern nur der Kalte Krieg und damit der Kampf der Ideologien als zentrales Unterscheidungsmerkmal des Menschen.

Denn die Menschen definieren sich seit jeher über das, was sie in einem bestimmten Kontext von anderen unterscheidet. „Eine Psychologin in Gesellschaft von einem Dutzend Frauen, die in anderen Berufen tätig sind, versteht sich als Psychologin; in Gesellschaft mit einem Dutzend Männern versteht sie sich als Frau“ [95], bringt Huntington gekonnt auf den Punkt. Nun entfiel der Kontext des Kalten Krieges und die Menschen definierten sich nicht länger über Liberalismus und Kommunismus, sondern wieder so, wie es Menschen schon immer getan haben: „Durch Rückbezug auf die Dinge, die ihnen am meisten bedeuten. Die Menschen definieren sich über Herkunft, Religion, Sprache, Geschichte, Werte, Sitten und Gebräuche, Institutionen. Sie identifizieren sich mit kulturellen Gruppen: Stämmen, ethnischen Gruppen, religiösen Gemeinschaften, Nationen und, auf weitester Ebene, Kulturkreisen.“ [21]

Die Kulturkreise

Kultur meint im Sinne Huntingtons die gesamte Lebensweise einer Gesellschaft. Der Kulturkreis ist dabei die größte kulturelle Einheit und die allgemeinste Ebene kultureller Identität unterhalb der Ebene, die den Menschen von anderen Lebewesen unterscheidet. Ein Kulturkreis definiert sich durch Sprache, Geschichte, Religion, Sitten, Institutionen als auch durch die subjektive Identifikation der Menschen mit ihr. Sie hat mehrere Ebenen: „Ein Einwohner Roms kann sich mit unterschiedlichem Nachdruck als Römer, Italiener, Katholik, Christ, Europäer, Westler definieren“ [54], doch haben Kulturkreise keine klar umrissenen Grenzen und ihre Entstehung und ihr Ende stehen nicht präzise fest. Doch eines ist klar: „Die menschliche Geschichte ist eine Geschichte von Kulturen.“ [49]

Huntington unterscheidet zwischen acht Kulturkreisen:

  1. Sinischer Kulturkreis (China als Kernstaat)
  2. Japanischer Kulturkreis (Japan als Kernstaat)
  3. Hinduistischer Kulturkreis (Indien als Kernstaat)
  4. Islamischer Kultukreis (kein eindeutiger Kernstaat)
  5. Westlicher Kulturkreis (USA als Kernstaat)
  6. Latainamerikanischer Kulturkreis (kein Kernstaat)
  7. Afrikanischer Kulturkreis (kein Kernstaat)
  8. Orthodoxer Kulturkeis (Russland als Kernstaat)

Von den großen Weltreligionen hängen vier – das Christentum, der Islam, der Hinduismus und der Konfuzianismus – eng mit diesen Kulturkreisen zusammen. Gemeinsam mit der Sprache bilde Religion das zentrale Element eines Kulturkreises. Insbesondere Religion sei entgegen westlicher Behauptungen kein „kleiner Unterschied“, sondern „der wahrscheinlich tiefgreifendste Unterschied, den es zwischen Menschen geben kann.“ [414]

Der Kampf der Kulturen

Nicht nur das Verschwinden der ideologischen Einteilung der Welt, sondern auch die zunehmende Globalisierung der Welt führen dazu, dass auch ein Gegendruck in Form kultureller Selbstbehauptung und eines kulturellen Bewusstseins stärker wird. Zwar haben sich andere Kulturen in den letzten Jahrhunderten nach dem Vorbild des Westens modernisiert, aber – so die zentrale These des Buches – nicht unbedingt verwestlicht. Beispielsweise erklärte ein führender Saudi bereits 1994: „Ausländische Importe sind hübsch, wenn es funkelnde Geräte oder High-Tech-Sachen sind. Aber immaterielle soziale und politische Institutionen, die von anderswoher importiert werden, können tödlich sein – fragen Sie den Schah von Persien. Der Islam ist für uns nicht bloß eine Religion, sondern eine Lebensform. Wir Saudis wollen uns modernisieren, aber wir wollen uns nicht unbedingt verwestlichen.“ [168]

Ganz im Gegenteil befinden sich die nicht-westlichen Kulturen längst im Aufstand gegen die Verwestlichung. Das weltweite „religiöse Erwachen“ – etwa der Orthodoxie und des Islam – zeugen davon. Die kulturelle Identifikation gewinnt in der Welt von heute gegenüber allen anderen Dimensionen der Identität stark an Bedeutung. Während die intrakulturelle Zusammenarbeit dadurch gefördert wird, wird die extrakulturelle Zusammenarbeit dadurch schwieriger und konfliktträchtiger. Das führt Huntington auf vier Gründe zurück:

  1. Überlegenheits- und Minderwertigkeitsgefühle gegenüber fremder Kultur
  2. Furcht vor und mangelndes Vertrauen in Fremde
  3. Erschwerte Kommunikation (auch Verhalten)
  4. Mangelndes Vertrauen in Motivation und soziale Praktiken von Fremden

Hinzukommt, dass während materielle Interessen ein Gegenstand von Verhandlungen und Kompromiss sein können, dies bei kulturellen Streitfragen nicht der Fall ist: Hindus und Moslems werden sich nicht in der Frage einigen, ob in Ayodhya ein Tempel oder eine Moschee gebaut werden soll oder beides oder keines von beiden oder ein synkretistisches Bauwerk, das Moschee und Tempel zugleich ist. … Entsprechend würden wahrscheinlich weder die französischen Behörden noch muslimische Eltern einen Kompromiss akzeptieren, demzufolge muslimische Schuldmädchen jeden zweiten Tag in muslimischer Kleidung zur Schule kommen dürften. Kulturelle Fragen wie diese implizieren ein Ja oder ein Nein.“ [201-202]

Multikultulturalismus – Ein gespaltenes Land

Das ist auch der Grund, warum der Multikulturalismus und die Massenzuwanderung aus fremden Kulturkreisen zu einem „gespaltenen Land“ führen müssen. Ein „gespaltenes Land“ ist ein Land, dessen Gesellschaft aus großen Gruppen verschiedener Zivilisationen besteht. Diese Gruppen sind tief gespalten, weil sie sich sagen: Wir sind verschiedene Völker und gehören zu verschiedenen Orten.“ [216] Die Politiker Europas haben diesen Grundsatz ignoriert und wollten die europäische Identität als multikulturell neu definieren. Heute erleben wir die Trümmerhaufen ihrer gescheiterten Politik.

Denn bisher ist ausnahmslos jeder Versuch einer Neudefinition der kulturellen Identität gescheitert. Beispiele finden sich nicht nur in Europa (von europäisch zu multikulturell), sondern etwa auch in Mexiko und der Türkei. Während die Eliten Mexikos die kulturelle Identität von südamerikanisch zu nordamerikanisch neudefinieren wollten, wollte die Türkei vom islamischen Kulturkreis zum westlich-europäischen. Heute sehen wir die Richtigkeit von Huntingtons Annahmen, der etwa voraussagte, dass die Türkei nach dem Scheitern dieses Identitätswechsels eine Re-Islamisierung durchmachen und sich zum Kernstaat des islamischen Kulturkreises erheben wollen wird.

Islam und der Westen

Den kulturellen Konflikt zwischen dem Westen und dem Islam spüren die Europäer heute wohl am stärksten. Während die korrupten Eliten Europas noch immer beteuern, der Islam gehöre zu Europa, formulierte Huntington schon vor über 20 Jahren in drastischen Worten: „Wenn Muslime unterstellen, dass der Westen den Islam bekriegt, und wenn Westler unterstellen, dass islamische Gruppen den Westen bekriegen, erscheint die Schlussfolgerung plausibel, dass etwas einem Krieg sehr Ähnliches im Gange ist.“ [348]

„Die „anhaltende substantielle Einwanderung ist daher geeignet, Länder in eine christliche und eine muslimische Gemeinschaft zerfallen zu lassen“. [326] Die Veränderung der Demographie Europas wird zum Problem: „Die zahlenmäßige Ausbreitung der einen Gruppe erzeugt politischen, wirtschaftlichen und sozialen Druck auf andere Gruppen und ruft Gegendruck hervor“. [423] Die Warnung Huntingtons vor der etablierten Politik: „Multikulturalismus in der Heimat gefährdet die USA und den Westen; Universalismus im Ausland gefährdet den Westen und die Welt.“ [524]

Innere Fäulnis und Islamisierung

Dabei sind Universalismus und Multikulturalismus nur zwei Seiten derselben Medaille: „Beide leugnen die Einzigartigkeit der westlichen Kultur“ [524]. Anstatt den Wert der eigenen Einzigartigkeit anzuerkennen, wird kulturelle Verschiedenheit als eine historische Kuriosität angesehen, die durch das „Heranwachsen einer gemeinsamen, westlich orientierten, anglophonen Weltkultur“ überwunden werden soll. Ein Glaube, der falsch, unmoralisch, gefährlich und selbst ein typisches Produkt des westlichen Denkens ist.

Dieses pathologische Verhältnis zur eigenen Identität ist Teil eines gefährlichen moralischen Verfalles des Westens. Huntington mahnt gegen Ende des Buches: „Die Zivilisation, zur Selbstverteidigung nicht mehr fähig, weil zur Selbstverteidigung nicht mehr bereit, ist weit offen für ‚barbarische Eindringlinge’, die häufig aus ‚einer anderen, jüngeren, kraftvolleren Zivilisation’ kommen. Die eine große Lehre aus der Geschichte der Kulturen lautet jedoch, dass vieles wahrscheinlich, aber nichts unausweichlich ist. Kulturen können sich reformieren und erneuern, und sie haben es getan. Die entscheidende Frage für den Westen lautet, ob er – von äußeren Herausforderungen einmal abgesehen – fähig ist, die inneren Verfallsprozesse aufzuhalten und umzukehren. Kann der Westen sich erneuern, oder wird anhaltende innere Fäulnis einfach sein Ende und/oder seine Unterordnung unter andere, wirtschaftlich und demographisch dynamischere Kulturen beschleunigen?“ [499]

Kampf der Kulturen – eine Pflichtlektüre!

Gerade wir Identitäre sind angetreten um zu zeigen, dass Europa diese Kraft zur Erneuerung noch in sich trägt. Dass wir nicht aufgeben, sondern unsere Besonderheit in einer Welt der Vielfalt wiederfinden und verteidigen werden. Dass wir unser Recht auf Identität einfordern, wie wir es auch allen anderen Kulturen zugestehen. Huntington mahnt am Ende, dass es nach universalen Prinzipien der Menschheit zu suchen gilt, um den Kampf der Kulturen einzudämmen. Meiner Überzeugung könnte nichts besser dazu geeignet sein, als das Recht auf Verschiedenheit. Denn „in Kriegen zwischen Kulturen ist die Kultur der Verlierer.“ [444]

Huntingtons Werk ist längst selbstverständlicher Teil der öffentlichen Debatte. Wohl auch, weil Huntington seine These auf über 500 Seiten mit empirischen Belegen unterfüttert. Es bietet einen großen Ordnungsrahmen zum Verständnis der gegenwärtigen Entwicklungen von Europa, Islam und Geopolitik. Eine Pflichtlektüre!