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Diogenes und die Laterne

Der Kyniker Diogenes von Sinope soll einer Anekdote zufolge am helllichten Tag mit einer Laterne in der Hand über den Markt von Athen gegangen sein. Er hat dabei jedem ins Gesicht geleuchtet, den Kopf geschüttelt und ist weitergegangen. Solange, bis einer ihn gefragt hat, was er denn am helllichten Tage mit seiner Laterne wolle. „Ich suche einen Menschen“, erwiderte Diogenes.

Sloterdijk (Kritik der Zynischen Vernunft): Schon Laertius betont das besondere Talent unseres Philosophen, Verachtung zu zeigen – sicheres Kennzeichen einer starken moralkritischen Reizbarkeit. Er folgt einer Idee von Menschlichkeit, die er unter seinen Mitmenschen kaum verwirklicht findet. Wenn der wahre Mensch einer ist, der Herr seiner Begierden bleibt und im Einklang mit der Natur vernünftig lebt, so liegt auf der Hand, dass der verstädterte Gesellschaftsmensch sich unvernünftig und unmenschlich verhält. […] In einer Weise, die unabweislich an Rousseau erinnert, erklärt der Philosoph mit der Laterne seine Mitbürger zu Sozialkrüppeln, zu verbildeten, süchtigen Wesen, die in keiner Weise dem Bild des autarken, selbstbeherrschten und freien Individuums entsprechen, mit dem der Philosoph seine eigene Lebensform auszulegen versucht.